Schreiben

#WritingFriday – Am Fenster

Writing Friday

Es ist wieder Zeit für den Writing Friday. Wer das Projekt noch nicht kennt, schaut am besten mal auf Elizzys Blog vorbei, die den Writing Friday ins Leben gerufen hat und uns jeden Monat mit neuen Writing Prompts versorgt. Dort werden auch die Regeln erklärt. Das System ist simpel und jede*r Interessierte kann jederzeit einsteigen.

Ich habe mir für den heutigen Text folgende Aufgabe ausgesucht:

Blicke aus dem Fenster – was siehst du? Beschreibe dies so genau wie möglich.

Ich habe die Schreibaufgabe ein bisschen abgewandelt… aber das werdet ihr ja gleich selbst lesen. Viel Spaß dabei und ich freue mich natürlich wie immer auf eure konstruktive Kritik! 🙂

 

Am Fenster

Was siehst du vor dem Fenster?

Nichts.

Wie, nichts?

Es ist Nacht.

Oh. Stimmt ja.

Ich kann mir förmlich das nervöse Lachen meines Chatpartners vorstellen. Wir schreiben erst seit ein paar Tagen miteinander – was wegen unserer unterschiedlichen Zeitzonen schwierig genug ist. Ich lebe in Irland, er in Los Angeles, und wann immer wir uns im Chatroom treffen, ist es bei ihm Tag und bei mir Nacht. Irländische Dunkelelfe und kalifornischer Sonnengott.

Er schreibt, er muss für heute Schluss machen und zur Arbeit fahren. Unsere Chats sind nie besonders lang. Irgendwie glaube ich nicht, dass aus uns jemals ein Paar wird, denn wir leben einfach zu weit voneinander entfernt, und damit meine ich nicht nur die geographische Entfernung. Schade eigentlich.

Ich klappe meinen Laptop zu und bin nun allein mit der Dunkelheit. Doch ich habe nicht das Gefühl, allein zu sein. Leise klopft der Regen mit nassen Fingern an meine Fensterscheibe. Ich schaue zum Fenster und mein eigenes Gesicht blickt zurück. Gelogen habe ich nicht: Man kann tatsächlich nichts vor dem Fenster sehen, denn die Dunkelheit spiegelt mein Zimmer wider, farbentsättigt, mit Schatten, die sich wie große Öllachen ausbreiten. Eine unheimliche, dunkle Parallelwelt. Meine eigenen schwarzen Augen machen mir Angst, wie sie mich so unverwandt aus der Spiegelwelt anstarren.

Ich lösche das Licht und somit die Augen. Die Dunkelheit umschließt mich wie ein samtiger schwarzer Mantel, der mir wie angegossen passt. Ich fürchte mich nicht vor der Dunkelheit. Sie ist mein Zuhause, die Heimat der Träume und der Fantasie. Ich fürchte nur das Zwielicht, in dem alles so verzerrt und seltsam aussieht, in dem man nur die Hälfte erkennt und sich den Rest zusammenreimen muss. Die Dunkelheit aber, die vollkommene Finsternis…

Langsam trete ich ans Fenster, bis meine Nase fast die Scheibe beührt, und schaue abermals hinaus. Diesmal sehe ich keine unheimlichen Spiegelungen, kein Zwielicht, nicht den kleinsten Lichtpunkt, denn die Sterne werden von Regenwolken verdeckt. Ich sehe nichts als Schwärze. Und doch sehe ich so viel mehr als Nichts.

Ich sehe die Grenzenlosigkeit der Nacht, die unendlichen Weiten des Universums. Natürlich weiß ich, dass dort vor meinem Fenster eigentlich Getreidefelder, Kuhställe und Feldwege liegen, doch in dieser undurchdringlichen Schwärze ist das alles verschwunden. Dort draußen könnte alles Mögliche sein. Ich gebe mich meinen Tagträumen – oder sollte ich sagen, Nachtträumen – hin. In der Finsternis, in der eigentlich „Nichts“ zu sehen ist, sehe ich unzählige alternative Wirklichkeiten.

Ich sehe steile, zerklüftete Felswände, auf deren Gipfel ich wohne. Ich sehe die Wogen eines riesigen Ozeans, auf dem mein Hausboot treibt, den Naturgewalten ausgeliefert. Ich sehe eine Wüste, in der zum ersten Mal seit Jahren wieder Regen fällt, sodass ich morgen zu einem Blütenmeer aufwachen werde. Ich sehe eine Großstadt nach der Apokalypse, ohne Strom, ohne Licht. Ich sehe eine tropische Inselwelt mit einem Wasserfall im Hintergrund. Vielleicht schwebe ich hoch über den Wolken in einem Heißluftballon. Vielleicht sitze ich in einem Baumhaus tief im Wald. Vielleicht bin ich ein kleines Kaninchen in einer Erdhöhle, das dem Regen lauschte.

All diese Möglichkeiten sehe ich vor meinem Fenster, all diese geheimen Welten. Wer kann schon sagen, wer ich bin, was ich bin und wie die Welt da draußen wirklich aussieht? Das Einzige, was im Moment Wirklichkeit ist, ist die Nacht.

Vielleicht ist da draußen tatsächlich nichts anderes als Schwärze, endlose Schwärze, in der die gesamte Welt verschwindet. Manche Leute würden bestimmt sagen, dort draußen gäbe es nichts zu sehen, doch ich sehe so vieles, das in der hellen, lauten Welt des Tages nicht existiert. Weite. Freiheit. Magie. Möglichkeiten. Geheimnisse. Befreiende Leere.

Mein Chatpartner würde das niemals verstehen. Ich beschließe in diesem Moment, ihm nicht mehr zu schreiben. Er ist ein Wesen des Lichts, nicht der Dunkelheit. Er würde mich auf diesem kleinen Bauernhof, auf dem ich lebe, sowieso niemals besuchen; denn was gibt es hier schon zu sehen?

Ich hingegen könnte nie in einer Großstadt wie Los Angeles leben. Da würde mir die Dunkelheit fehlen.

2 Kommentare zu „#WritingFriday – Am Fenster

  1. Es hat mich erst so spät zu deinem letzten Writing Friday verschlagen, aber hier bin ich endlich! 😀
    Mir gefällt die abgewandelte Variante sehr gut, besonders aber die philosophischen Gedanken zum Schwarz der Nacht! Als auch die Gegenüberstellung von den beiden Chatpartnern; von Hell und Dunkel, Los Angeles und Irland, Stadt und Land. Ich bin schon gespannt auf morgen, allerdings werde ich auch den morgigen Writing Friday frühestens am Sonntag lesen können. ><

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s