Bücherwelt

Gastbeitrag 2/12 – Medra Yawa: Zeit zum Gedeihen

Wie bereits angekündigt, möchte ich dieses Jahr zwölf Gastbeiträge von anderen Büchermenschen auf meinem Blog veröffentlichen, jeden Monat einen. (Alle weiteren Infos zu dieser Aktion findet ihr hier. Den Januar-Beitrag „Die Entwicklung der eigenen Stimme“ von Matthias Thurau könnt ihr hier lesen.)

Heute geht es weiter mit dem Februar-Gastbeitrag! Vielen Dank an die Autorin Medra Yawa, die heute von ihrem Weg zum Schreiben berichtet. Vielleicht kann sich ja der ein oder andere von euch darin wiedererkennen.

***

Es gab eine Zeit, in der mir meine Mutter jede Nacht eine Geschichte vorgelesen hatte. Hänsel und Gretel. Schneewittchen. Sterntaler. Tischlein, deck dich! Danach bin ich mit Bricklebrit und den sieben Zwergen eingeschlafen. Ich habe von Lebkuchenhäusern und einem armen Mädchen geträumt. Gierig habe ich die Märchen verschlungen und wollte immer „noch ein weiteres“ hören. Nur fehlte es meiner Mutter an Zeit, Lust und Laune.

„Wenn du Geschichten willst“, hatte sie irgendwann übermüdet gemeint, „so denk sie dir selber aus.“

Damit hatte sie mich in meinem dunklen Zimmer allein gelassen. War es herzlos? Vielleicht. Wurde ich produktiv? Definitiv!

Mit vier Jahren konstruierte ich mein erstes Märchen. Gold und Silber hatte ich es lachend genannt und es mit in die Kita genommen. Ich wollte die Hauptcharaktere aufmalen – hauptsächlich Gold, denn sie war bestimmt wichtiger! Nur verging mir zu schnell der Spaß dabei. Denn prompt klopften neue Geschichten an. Eigenkreationen, Fanfiktion, Fabeln sowie konfuse Ideen tummelten sich in meinem Kopf. Jede wollte zuerst erzählt werden. Jede hielt sich für besser als die vorige.

Und so kommt man als Kind nicht weiter.

Zehn Jahre später konnte ich mich endlich auf eine Geschichte konzentrieren. Es war meine erste „richtige“ Geschichte. Between. Ich mochte sie. Ich liebte das Gefühl, das sie in mir auslöste. Ich fieberte mit den Charakteren mit und schmierte täglich vier Seiten – am Wochenende sogar manchmal um die fünfzehn – voll.

Dennoch ist die Geschichte immer noch unveröffentlicht. Warum? Weil ich mein Baby nach über hundert handgeschriebenen Seiten abbrach. Ich warf den Hefter beiseite und fluchte mein Zimmer an. Vielleicht hatte ich sogar geweint. Immerhin hatte ich die Geschichte, meinen Schatz, für perfekt gehalten!

Aber Between war aus einer Gutenachtgeschichte entstanden. Sie hatte einen guten Anfang, klasse Probleme, aber weder Plot noch Ende. Keine meiner Geschichten hatte bislang ein Ende. Wie konnten sie auch? Ich schlief doch jedes Mal ein, ehe die Charaktere ihre Konflikte beilegen konnten!

Kurz darauf erinnerte ich mich an Gold und Silber. Ich war ein Teenager und buddelte das Märchen aus, das mich noch zu Zeiten der Kita beschäftigt hatte. Mir wurde plötzlich bewusst, dass ich es immer nur aus Golds Perspektive gesehen hatte, obwohl es zwei Hauptcharaktere gab. Ich zwang mich, umzudenken. Erweckte Silber zu neuem Leben. Strich die Albernheiten aus ihrem Charakter, die mein vierjähriges Ich dort verankert hatte.

Und nun wusste ich, was ich zu tun hatte.

Denn Schreiben ist ein Handwerk. Wer nicht übt, wird nicht besser. Wer nicht liest, kann nicht lernen. Wer nicht beobachtet, hat nichts zu beschreiben.

Nun hatte Between mir bereits mehrere Übungsstunden geschenkt. Und ich hatte nie ein Problem damit, andere Menschen zu beobachten, um mir gedanklich eine Geschichte zu den Fremden zu konstruieren. Was mir jedoch noch fehlte, waren Bücher.

Beinahe vier Jahre las ich mich durch die kleine Bibliothek neben der Schule. Ich verschlang alles Mögliche: Romane, YA, Fantasy, Horror, Thriller, Romantik… Als die Bibliothek umzog, kaufte ich mir in einem Monat um die elf Bücher, die ich auch alle in der Zeit auslas. Mein Taschengeld verschwand zwischen den bedruckten Zeilen, in deren Worte ich begierig badete. Das Lesen war so erfüllend, dass ich beinahe das Schreiben vergaß.

Beinahe.

Während ich las, legte ich mir einen Ordner mit Personenkonstellationen an. Ich überprüfte jede Idee auf Originalität, ehe ich sie aufschrieb. Ich wollte keinen Abklatsch fabrizieren. Fanfiktion bekamen ein eigenes kleines Buch. Alles andere kam in den Ordner. Ich blätterte alle paar Monate darin rum, überdachte die Ideen, änderte ein paar Informationen, packte alles weg, nur um es gleich wieder hervor zu kramen und etwas anderes zu notieren…

Ich hoffe inständig, dass niemand je das Chaos in meinen Notizen zu Gesicht bekommt. Wahrscheinlich würden einige Leute schreiend weglaufen. Andere würden sich fragen, wie ich meine Hieroglyphen entschlüsseln konnte oder wieso ich nicht einfach aufgab. Kurzum: Als Perfektionist mit einem Hang zur Langeweile macht sich Schreiben gut als Hobby.

Des Weiteren bin ich der Auffassung, dass jedes Werk reifen muss. Merichaven entstand zum Beispiel bereits im Sommer 2011, jedoch habe ich die Geschichte erst 2017 aufgeschrieben. Kriegsheim wurde 2008 geplant, die Rohfassung ist seit 2015 fertig, aber veröffentlicht wird es wahrscheinlich nicht vor 2021. Fujis Geschichte existiert seit 1999 und schlich sich erst 2019 auf meinen Blog. Und Gold und Silber? Mittlerweile bin ich mit dem Plot der Geschichte zufrieden, jedoch fehlt mir die Zeit, um allein die Rohfassung zu vollenden. Und dass, obwohl das Märchen meine älteste Geschichte ist!

An dieser Stelle sollte ich erwähnen, dass ich die meisten Storys wahrscheinlich sogar noch später vollendet hätte, wenn mein Mann nicht gewesen wäre. Immerhin hatte dieser sich für die Plots interessiert und mich noch zusätzlich zum Schreiben ermutigt. Er war mein erster Testleser, meine Hilfe bei den Covers, mein geduldiges Ohr und mein hinterfragender Leser. Ein Lebenspartner, der einen Autoren unterstützt, die schrägen Hobbys akzeptiert und nächtliche Diskussionen über sich ergehen lässt, ist echtes Gold wert!

Letzten Endes ist Merichaven mein Debütroman geworden. Eine Geschichte, deren Rohfassung innerhalb von vier Monaten auf meinen Rechner wanderte. Nach weiteren drei Monaten waren die Betaversionen fertig. Und danach hieß es: Stilanalyse, Überarbeiten, Testleser, Überarbeiten, Wortwiederholungen suchen, Logikcheck, Zeitleistencheck, Überarbeiten, Überarbeiten, Überarbeiten…

Dabei wurde mir eine Sache bei Merichaven bewusst, die ich sonst immer nur am Rande wahrgenommen hatte: Mein roter Faden war ein festes Seemannstau!

Alle anderen Geschichten wirkten plötzlich wie Amateure. Sie waren nicht so dicht gewebt. Ihr Ende war immerzu ein ferner Punkt gewesen. Aber in Merichaven ging es mir plötzlich nicht mehr einzig ums Ende – nicht einmal um den Weg – alles was zählte, war der Moment, in dem man sich in der Geschichte verlieren konnte.

Mir war klar, dass ich Merichaven veröffentlicht sehen wollte, musste!

Aber wie? 2015 und 2016 hatte ich einige Agenturen wegen Kriegsheim angeschrieben. Mir war damals noch nicht klargewesen, wie schlecht eine Rohfassung ist und so trödelten damals die Absagen gemächlich in mein Postfach. Ich war mir zwar sicher, dass Merichaven besser aufgenommen werden würde, aber wollte ich meinen ersten Roman wirklich von Fremden vertreten lassen? Was würden die Leute aufs Cover packen? Wie würden sie das Buch vermarkten? Müsste ich die Story abändern? Wäre ich damit noch zufrieden?

Nun, ich bin immer noch ein Perfektionist. Ein verheirateter Perfektionist. Ein verheirateter Perfektionist, der im Mai letzten Jahres Zwillinge bekommen hatte. Und diese kleinen Schätze haben mir klargemacht:

Ja, eine Geschichte braucht Zeit, um zu reifen. Ja, man braucht Zeit, um schreiben zu lernen. Und ja, die erste, zweite, dritte Geschichte müssen nicht zwangsläufig jene sein, die man als Debütroman feiert. Aber in vier Jahren wären meine Kleinen groß genug, um sich eigene Geschichten auszudenken.

Deswegen habe ich mein eigenes Cover entworfen. Deswegen habe ich mich über das Self-Publishing informiert. Und deswegen habe ich einen Schritt aus meiner Komfortzone gewagt.

Ich hätte es auch bei Verlagen versuchen können. Ich hätte auch wieder Agenturen nerven können. Ich hätte, könnte, würde, sollte, vielleicht-

Aber nichts davon wäre sicher gewesen.

Mittlerweile habe ich vor, Merichaven komplett selbst zu veröffentlichen. Die anderen Romane kriegen ein Exposé und müssen sich wartend bei Agenturen und Verlagen einreihen. Das ist schon in Ordnung. Ich habe meinen ersten Schritt in Richtung Zukunft getan.

Das bringt mich nun zu Euch, liebe Leser.

Ganz ehrlich? Mein Weg (hier verkürzt und noch ziemlich rosig dargestellt) ist nicht Eurer. Ich kann Euch nur von meinem erzählen. Aber Ihr müsst Euren eigenen wählen. Manche von Euch benötigen vielleicht mehrere Jahre, ehe sie sich trauen, die ersten Worte aufs Papier zu kritzeln. Einige andere von Euch schreiben ihren ersten Roman im NaNoWriMo runter und wundern sich, was daran so schwer gewesen sein soll. Überarbeitungsphasen, Buchsatz, Covergestaltung, Klappentext, Stilanalyse, Themenehrlichkeit, Logik – jeder von Euch wird eine andere Bearbeitungszeit haben und jeder von Euch wird ein anderes Ziel vor Augen wissen.

Dennoch hoffe ich inständig, dass Ihr eines Tages Eure Geschichten niederschreibt und veröffentlicht. Ich würde sie gerne lesen.

Beste Grüße

Medra Yawa

 

***

Die Verfasserin

Medra Yawa Icon

 

Medra Yawa, Jahrgang 1993, ist Berlinerin und Mutter zweier Kinder, die schon früh das Schreiben für sich entdeckt hatte. Sie ist Autorin von Merichaven: Kidnapped, ihrem Blog (https://medrayawa.com/) und bringt im Mai 2020 den nächsten Band von Merichaven auf den Markt.

Social Media:

Blog: https://medrayawa.com/

Twitter: @MedraYawa; https://twitter.com/MedraYawa

Facebook: https://www.facebook.com/MedraYawa/

Ko-fi: https://ko-fi.com/medrayawa#

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s