Schreiben

Omega – Kurzkrimi

„Omega“ ist eine Sidestory zu meinem Buch „Raven House„, man kann den Kurzkrimi aber auch lesen, wenn man das Buch nicht kennt. Viel Spaß dabei! 🙂

Omega

 

Die Schlagzeilen überschlugen sich:

Werwolf-Panik in Eichstadt! Die Polizei ermittelt im Fall Omega

Polizei auf Werwolf-Jagd: Ermittlungen dauern an

„Omega“-Werwolf stiftet Angst und Schrecken!

Vlad packte den Stapel kostenloser Zeitungen, die sich angesammelt hatten, und warf sie ins Altpapier. Seit Wochen berichteten die Medien über nichts anderes und ganz Eichstadt war in Aufregung.

„Was hältst du eigentlich von diesem Omega-Werwolf?“, fragte er seinen Freund Five, der gerade zu Besuch war und auf dem Wohnzimmerteppich mit seinen Hausratten Luzifer und Azrael spielte. Five war selbst ein Werwolf und wusste in der Sache vielleicht mehr.

„Ach, das ist doch alles nur Panikmache auf BILD-Niveau“, sagte Five abwertend. „Was hat denn dieser Werwolf bisher getan? Ein paar Kinder erschreckt, Drohbriefe geschrieben und Graffitis mit dem Omega-Symbol gesprüht. Das ist alles. Und die Leute tun so, als wäre ein Serienkiller unterwegs. Lächerlich.“

„Vergiss nicht die Oma, die er so sehr erschreckt hat, dass sie gestolpert ist und sich das Bein gebrochen hat“, erinnerte Vlad ihn.

„Meinst du, der Täter könnte ein Werwolf aus deinem Rudel sein? Oder aus einem anderen Rudel?“

Five zuckte desinteressiert mit den Schultern und ließ die weiße Ratte Luzifer über seinen Arm laufen. „Keine Ahnung. Wahrscheinlich ist er wirklich ein Omega, also ein Einzelgänger ohne Rudel, der neu in der Stadt ist. Wieso interessiert dich das? Du bist doch ein Vampir, kein Werwolf.“

„Ich will nur nicht, dass du in Gefahr gerätst. Wenn Menschen Angst haben, werden sie gefährlich“, sagte Vlad, der dies aus eigener leidvoller Erfahrung wusste. Eichstadt war berüchtigt für die ansässigen Jäger-Vereine, die nur auf einen Vorwand wie diesen warteten, um die Jagd auf Werwölfe oder Vampire zu eröffnen. „Keine Sorge, ich kann schon auf mich aufpassen.“ Five grinste und zeigte seine spitzen Reißzähne.

In diesem Moment klingelte es an der Tür. Luzifer und Azrael huschten ängstlich unter Fives Kapuzenpullover. Als Vlad die Tür öffnete, standen zwei alte Bekannte davor: Jens Lindemann und Naomi Watzlawick von der Kriminalpolizei Eichstadt. Mit Lindemann verband Vlad eine lose Freundschaft, seit er der Polizei einst geholfen hatte, einen Brandstiftungs-Fall aufzuklären. „Hallo, Jens, lange nicht gesehen!“, rief Vlad. „Kommt doch rein. Möchtet ihr einen Kaffee?“

Lindemann lächelte bedauernd. „Ich fürchte, heute haben wir keine Zeit dazu, denn wir sind beruflich hier. Wir brauchen deine Hilfe.“

„Meine Hilfe?“, wiederholte Vlad überrascht.

„Wobei?“, ergänzte Five skeptisch, der nun ebenfalls im Türrahmen auftauchte. „Hoffentlich nicht in diesem albernen Omega-Fall.“

„Leider doch“, sagte Lindemann. „Bisher hat der Omega-Werwolf zwar nur gedroht, aber wir können nicht abwarten, bis er Ernst macht. Um ihn zu fassen, brauchen wir die Hilfe eines Werwolfs oder Vampirs. Und außer dir, Vlad, kenne ich keinen vertrauensvollen Vampir.“

„Ich helfe natürlich gern, aber… Arbeiten denn gar keine Vampire und Werwölfe bei der Polizei?“, fragte Vlad ungläubig.

„Nein, das ist leider gesetzlich nicht erlaubt“, erklärte Lindemann seufzend.

„Bescheuerte Gesetze“, murmelte Five. „Aber wenn Vlad hilft, dann helfe ich auch. Damit dieser Omega-Spuk schnell vorbei ist.“

Lindemanns resolute Kollegin Watzlawick musterte ihn. „Moment mal. Du bist doch noch minderjährig, oder?“

Trotzig hob er das Kinn. „Ich bin fast achtzehn und außerdem ein Werwolf! Also behaupten Sie nicht, dass Sie auf meine Hilfe verzichten können.“

„Dann ist es also beschlossen“, sagte Lindemann schnell, bevor seine Kollegin noch einen Vorwand anbringen konnte. „Lasst uns diesen Fall so schnell wie möglich aufklären.“

 

Die Polizisten hatten bereits das Muster des Omega-Werwolfs durchschaut: seine Drohbriefe verschickte er immer montags, seine blutroten Graffitis sprühte er samstags und seine nächtlichen Spaziergänge, um Leute zu erschrecken, waren donnerstags an der Reihe. Seine Streifzüge und die Todesdrohungen konnten sie nur schwer nachverfolgen, da sie in der ganzen Stadt stattfanden, doch die Graffitis sprühte er immer nur in zwei Gegenden: in dem alten Fabrikviertel Brachfelde am Stadtrand und in dem verschlafenen Wohnviertel Forstingen nahe dem Stadtwald.

„Das ist hier doch recht überschaubar“, sagte Five, der mit Naomi Watzlawick durch Brachfelde streifte. „Wieso habt ihr es noch nicht geschafft, den Werwolf zu fangen, wenn er es euch so leicht macht?“

Missbilligend kniff Watzlawick die Kiefer zusammen. „So einfach ist es nun auch wieder nicht. Einmal hätten wir ihn fast geschnappt, aber er konnte entwischen. Er ist einfach zu schnell. Außerdem hört und riecht er uns bestimmt schon von weitem und kann uns so ausweichen“, erklärte sie. Eine Weile schlichen sie lautlos weiter. Dann hielt Five die Polizistin zurück. „Machen Sie die Taschenlampe aus“, flüsterte er. „Ich rieche frisches Graffiti. Am besten warten Sie hier, ich gehe kurz nachsehen.“

„Du gehst auf keinen Fall allein. Du bist noch ein Kind!“

„Ich bin ein verdammter Werwolf. Und Sie laufen zu laut und zu langsam. Wollen Sie etwa, dass der Omega-Wolf uns wieder entwischt?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, ließ er Watzlawick stehen, huschte durch die Dunkelheit und lauschte. Er hörte ein mehrstimmiges Zischen, wie von mehreren Sprühdosen. Als er näherkam, mischte sich unter den Dunst der Chemikalien auch der Geruch nach nervösem Angstschweiß von mindestens zwei Jugendlichen. Als er hinter eine leerstehende Fabrikhalle lugte, sah er drei Teenager, die mit roten Farbdosen das Omega-Zeichen an die Wand sprühten. Doch sie sahen ihn nicht, hörten ihn nicht, rochen ihn nicht. Das konnte nur eins bedeuten. „Von wegen Omega“, sagte Five laut. „Ihr seid gar keine Werwölfe, stimmt’s?“

 

„Wir können wieder gehen“, sagte Jens Lindemann zu Vlad, der neben ihm auf einem Garagenflachdach in Forstingen saß. „Naomi hat gerade angerufen. Sie und dein Freund haben drei Teenager ertappt, die Omega-Graffitis gesprüht haben. Keine Werwölfe. Es war also alles nur ein alberner Streich von drei Halbstarken, die sich cool fühlen wollten.“ Seufzend stand er auf. „Komm, lass uns…“

„Warte kurz!“ Vlad starrte angestrengt in die Finsternis. „Siehst du nicht die Gestalt dort oben auf dem Dach? Ich glaube kaum, dass das ein Schornsteinfeger ist.“

„Es ist stockdunkel und ich habe nicht solche Nachtsichtaugen wie du“, murrte Lindemann. „Also nein. Was für eine Gestalt? He, warte doch mal!“

Aber Vlad war bereits aufgesprungen und losgerannt. Er sprang vom Garagendach auf ein niedriges Hausdach, von dort auf ein höheres Gebäude und in einem riesigen Satz auf das Haus der gegenüberliegenden Straßenseite. Die unbekannte Gestalt lief so schnell und sicheren Fußes über die Dächer, als könnte sie trotz der Dunkelheit genau sehen, wohin sie trat. Das war ungewöhnlich für einen Werwolf. Werwölfe hatten einen brillanten Gehör- und Geruchssinn, aber nicht die katzenartigen Augen von Vampiren. Vlad folgte der Gestalt so unauffällig wie möglich, bis sie schließlich eine Kirche erreichten, die nochmal deutlich höher war als die Häuser. Dennoch sprang der dunkle Schatten mit einem mühelosen Satz vom Hausdach direkt auf den Kirchturm. Werwölfe konnten nicht so weit springen. Bei der Person musste es sich um einen Vampir handeln. Vlad versteckte sich hinter einem Schornstein und beobachtete, wie der fremde Vampir über das Kirchturmdach kletterte, bis er schließlich die Turmuhr erreichte. Er zückte eine Graffiti-Sprühdose und begann, das Omega-Logo mitten auf das Ziffernblatt zu sprühen, das gerade Mitternacht anzeigte. Geisterstunde. Vlad dokumentierte all dies so gut wie möglich mit seiner Handykamera, um Beweismaterial zu sammeln. Dann rief er dem Kirchturmkletterer zu: „Das Spiel ist aus, Omega!“

Vor Schreck fiel der Gestalt die Sprühdose aus der Hand. „Scheiße!“, fluchte sie, griff erfolglos danach und verlor dabei den Halt am Kirchendach. Sie rutschte über die Dachziegel abwärts, und Vlad wusste, dass ein Sturz aus dieser Höhe auch für einen Vampir tödlich enden konnte. Also tat er das einzig Richtige. Er sprang ebenfalls hinüber auf das schräg abfallende Kirchturmdach und bekam den wild rudernden Vampir am Handgelenk zu packen. Durch das fremde Gewicht und den plötzlichen Ruck wurde er jedoch mitgerissen und rutschte ebenfalls abwärts. Im letzten Moment konnte er sich mit seiner freien Hand an der Dachtraufe festhalten und bremste ihre Rutschpartie. Na großartig. Jetzt baumelten sie hier. Natürlich hätte er sich hochziehen können, doch die Gefahr, dass der andere Vampir ihm dann entwischte, war ihm einfach zu groß. „Die Polizei wird gleich hier sein und uns herunterholen“, informierte Vlad den anderen Vampir. „Keine Sorge, ich kann uns eine Weile hier festhalten, du bist ja recht klein und leicht. Aber du solltest nicht herumzappeln, sonst könnte es sein, dass ich dich fallen lasse.“

„Oh Vlad, so sei doch kein tumper Tor!“

Überrascht blickte er nach unten und sah zum ersten Mal das Gesicht des Sprayers. „Aurelia?“, rief er ungläubig, als er die rothaarige Vampirin erkannte. Sie war eine alte Bekannte und er hatte sie immer als weise Vampirin eingeschätzt, die zwar Werwölfe verabscheute, aber stets klug und besonnen handelte. „Bist du nicht langsam zu alt für sowas? Ich meine, Drohbriefe und Graffitis? Ernsthaft?“

„Irgendjemand musste ebbes unternehmen!“, rief Aurelia in ihrer mittelalterlichen Sprache. „Mehr und mehr Werwölf‘ ziehen mit Sack und Pack gen Eichstadt hin, als sei’s ihr eigen Königreich! Und sind sie uns überlegen an der Zahl, so werden sie uns Vampyren gar schreckliches Leid und Ungemach bereiten. Vergiss nicht, Werwölfe sind unsere Erbfeinde! Es ist unsere heilige Pflicht, diese Ungeheuer wacker zu bekämpfen, bevor sie uns übertrumpfen.“

Vlad seufzte. Er kannte (fast) nur friedliche Werwölfe und konnte sich nicht vorstellen, dass sie die Herrschaft in Eichstadt an sich reißen wollten, aber es hatte keinen Sinn, mit Aurelia darüber zu diskutieren. „Entweder warten wir jetzt auf die Polizei und du kommst ins Gefängnis, oder ich lasse dich laufen und du versprichst mir, mit diesem Omega-Quatsch aufzuhören.“

„Niemals gehe ich in den Kerker!“ Aurelia schien zu überlegen, sich von Vlad loszureißen, und in einem normalen Kampf hätte das vermutlich funktioniert, denn sie war mit ihren 1002 Jahren nicht nur fünfmal so alt, sondern auch fünfmal so stark wie er; doch da sie im Moment beide an einem Kirchturmdach baumelten und nur Vlad sie vor dem Absturz bewahrte, blieb Aurelia keine Wahl. „Wohlan denn. Ich gelobe, mein Tun nach Art des Omegas fortan einzustellen. Wohlgleich mich dünkt, dass wir uns dafür noch grämen werden.“

Vlad lächelte erleichtert und zog sie mit einem kräftigen Klimmzug zurück aufs Dach. „Eine weise Entscheidung, Aurelia.“

 

„Es war also die ganze Zeit Aurelia?“, fragte Five später, als Vlad ihm die ganze Geschichte erzählte.

„Ja. Sie wollte euch Werwölfen durch dieses Omega-Spielchen die Polizei und die Medien auf den Hals hetzen. Sie hat einfach Angst vor euch. Aber sie hat mir versprochen, damit aufzuhören.“

„Und du glaubst wirklich, dass sie ihr Versprechen hält?“

„Wenn Aurelia eins wichtig ist, dann die Ehre. Außerdem weiß sie genau, dass ich sie auf frischer Tat ertappt habe und dass ich sie sofort zur Polizei schleifen würde, wenn sie ihr Versprechen bricht.“

Zufrieden rollte sich Five auf den Rücken und ließ Luzifer und Azrael über seinen Bauch klettern. „Dann haben wir ja endlich wieder unsere Ruhe.“

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