Bücherwelt

Gastbeitrag 5/12 – Vanessa-Marie Starker: Das Lektorat

Wie bereits angekündigt, möchte ich dieses Jahr zwölf Gastbeiträge von anderen Büchermenschen auf meinem Blog veröffentlichen, jeden Monat einen. (Alle weiteren Infos zu dieser Aktion und die bisherigen Gastbeiträge findet ihr hier. )

Heute gibt es den Mai-Gastbeitrag! Ich übergebe daher das Wort direkt an meine gute Freundin, Kommilitonin und  Lektorin Vanessa-Marie Starker. Viel Spaß!

***

Hallo! Ich bin Vanessa-Marie, arbeite als Lektor und möchte euch gerne einen Einblick in meinen Beruf geben. Dazu möchte ich erstmal ganz allgemein erklären, was ein Lektor eigentlich macht, wieso ich dieses Tätigkeitsfeld als Beruf erwählt habe und anschließend noch ein bisschen aus dem Nähkästchen plaudern.

Was macht ein Lektor?

Als Lektor überarbeite ich Texte. Per se kann ein Lektor jegliche Art von Text überarbeiten. In meinem Falle arbeite ich vor allem mit literarischen und vereinzelt mit wissenschaftlichen Texten. Also beispielsweise Romane, Kurzgeschichten, Bachelor- und Masterarbeiten.

Dabei geht es sowohl darum die Rechtschreibung, Interpunktion und Grammatik des Manuskripts zu überprüfen, als auch den formalen Aufbau und die stringente Sprache. Neben der Orthografie geht es also auch um eine vereinheitlichte Schreibweise und Formatierung sowie Optimierung von Ausdruck, Verständlichkeit und Stil. Bei einem wissenschaftlichen Lektorat kommen außerdem noch die korrekte Verwendung von wissenschaftlicher Sprache, die Schlüssigkeit der Arbeit sowie der Inhalt (Definitionen und dargestellte Zusammenhänge) und eine logische, dem Ziel der Arbeit förderliche Gliederung dazu. Teilweise gehört auch eine Plagiatsprüfung dazu, die ich selbst jedoch nicht anbiete.

Darüber hinaus gehören auch Meetings und Telefonate dazu. Es reicht nicht, den Text bloß zu korrigieren und kommentieren. Meist setzt man sich anschließend mit dem Autor zusammen und bespricht die Anmerkungen und Fragen, die man während des Lektorats aufgeworfen hat. Das Lektorat kann dabei auf zwei Arten gemacht werden. Ganz am Ende, am fertigen Manuskript oder als begleitendes Lektorat.

Als Verlagslektor ist man außerdem unter anderem dafür zuständig, Manuskripte zu begutachten und zu bewerten, inwiefern sie für eine Veröffentlichung geeignet sind und wie das Marktpotenzial ausfällt.

Welche Voraussetzung braucht man für den Beruf?

Lektor ist kein eingetragener Beruf. Es gibt keine spezifische Ausbildung, die man dafür absolvieren muss und Lektoren sind zu 100% Quereinsteiger. Genau genommen, kann sich also jeder so nennen, der das gerne möchte. Als Grundlage bietet es sich an eine Ausbildung im Buchhandel oder ein geistes- bzw. sprachwissenschaftliches Studium absolviert zu haben. Um in der Verlagswelt Fuß zu fassen und einen Verlag für ein Volontariat oder allgemeine langfristige Zusammenarbeiten zu finden, braucht es auf jeden Fall viel Praxiserfahrung. Also am besten Praktika und eine selbstständige Zusammenarbeit mit Autoren.

Wenn man in diesem Beruf erfolgreich sein möchte, muss man von Anfang an sehr viel Arbeit reinstecken. Das Honorar deckt – gerade anfangs – nicht immer den gesamten Arbeitsaufwand ab.

Für mehr Informationen empfehle ich: https://www.karrieresprung.de/jobprofil/Lektoren

Wie bin ich zu dem Beruf gekommen?

Bekanntlich kommt das Wort Beruf von Berufung.  Und als genau das würde ich das Lektorat in meinem Falle bezeichnen. Literatur war schon immer meine große Leidenschaft. Daher beschloss ich 2017 ein Studium der Literaturwissenschaft an der Universität Erfurt zu beginnen. Heute befinde ich mich in meinem Abschlusssemester für den Bachelorstudiengang mit dem Schwerpunkt Neuere Deutsche Literaturwissenschaft und habe mich bereits für den weiterführenden Master, ebenfalls an der Universität Erfurt, beworben. Seit 2019 bin ich als freiberuflicher Lektor tätig.

Die Arbeit mit (literarischen) Texten macht mir unglaublich viel Spaß. Ich liebe es, mich in Texte einzulesen und sie zu bearbeiten. Dabei interessiert mich vor allem die Narrativik. Während meines Studiums habe ich mir viele Gedanken darüber gemacht, in welche Richtung ich mich beruflich einmal entwickeln möchte. Außer Frage stand für mich dabei, dass ich auch in Zukunft „irgendetwas mit Literatur“ machen möchte.

So kam mir natürlich als erstes Schriftsteller in den Sinn. Und als zweites Dozent. Zum Dozieren fühle ich mich nicht bereit. Bei dem Gedanken vor einer Gruppe Menschen stehen und ein Seminar oder gar eine Vorlesung halten zu müssen, graut es mir ein bisschen. Ich habs schon nicht so damit Referate zu halten. Wer nun meint, ich sei Lektor geworden, da es zum Schriftsteller nicht gereicht hat, den muss ich enttäuschen. Leider ist das eine „lustige“ Frage, die mir öfter gestellt wird. Ich bin auch schriftstellerisch tätig, jedoch eher hobbymäßig.

Zum Lektorat kam ich eher zufällig, da ich von einem Bekannten gefragt wurde, ob ich sein Manuskript lektorieren könnte. Dabei habe ich festgestellt, dass mir diese Arbeit sehr viel Freude bereitet und es mir die Möglichkeit gibt, Kenntnisse und Arbeitstechniken aus meinem Studium direkt ein- und umzusetzen.

Geplauder aus dem Nähkästchen:

Als Lektor habe ich mich vor allem auf belletristische Texte, speziell die Genres Fantasy und Horror/Thriller und Fachtexte der Bereiche Literaturwissenschaft und Geschichtswissenschaft spezialisiert. Allgemein nehme ich aber alles an, was mich so interessiert. Wenn Plot, Handlung, Figuren oder Schreibstil mich besonders begeistern, dann lektoriere ich fast alles.

Außerdem kümmere ich mich seit kurzem auch um den Buchsatz. Also das Formatieren eines Manuskripts in eine druckbare Form. Ich arbeite relativ schnell. Eine Bachelorarbeit mit ~80 Seiten habe ich an drei Tagen fünf Mal durchgearbeitet – zwei Mal gemeinsam mit dem Autor. Für einen literarischen Text von ~300 Seiten habe ich bisher etwa eine Woche gebraucht. Dabei kommt es natürlich auch darauf an, wie viel Zeit ich neben dem Studium zur Verfügung habe und momentan hatte ich ja Semesterferien. Ich kann sagen, dass ich etwa 100 Seiten am Tag schaffe und mir immer etwas mehr Zeit einplane, damit ich etwas Puffer habe, die Sachen mehrmals durchgehen und gegebenenfalls recherchieren zu können.

Das Honorar kalkuliere ich dabei individuell. Ausschlaggebende Faktoren dafür sind die Länge des Textes, der wahrscheinliche Arbeitsaufwand und ob ich innerhalb einer bestimmten Zeitspanne fertig werden muss. Anschließend berechnet sich der Preis pro Normseite. Eine Normseite entsprich 1.800 Zeichen (inklusive Leerzeichen). Bei Studenten gebe ich außerdem einen Rabatt von 20% auf den Gesamtpreis – aber nur, wenn kein Pauschalbetrag vereinbart wurde.

Bisher hatte ich großes Glück vor allem mit sehr freundlichen und kooperativen Autoren arbeiten zu können. Doch leider habe ich auch schon negative Erfahrungen gemacht. Wirklich baff war ich, als ich für ein Lektorat eines Motivationsschreiben für eine Bewerbung nicht bezahlt wurde. Die Art und Weise war sehr unschön und mein Klient hatte mir mehrmals versichert, bald zu überweisen. Nach einer Woche hat er sich jedoch gar nicht mehr gemeldet und auf meine Mails auch nicht mehr geantwortet – und das bei gerade mal 15€. Dadurch habe ich auf die harte Tour lernen müssen, dass ich das lektorierte Manuskript nicht zurückschicke, ohne vorher mindestens eine Anzahlung zu verlangen.

Doch natürlich gibt es auch in einem interessanten Manuskript problematische Szenen, durch die ich mich ein wenig durchquälen muss. Dabei liegt das jedoch so gut wie nie am Inhalt, sondern eher an der Form. Beispielsweise, wenn viele Logikfehler drin sind und der Autor dem Leser alles bis ins kleinste Detail erklärt, anstatt es ihm zu zeigen und ihn selbst Zusammenhänge erkennen zu lassen. Das kostet dann meist sehr viel Arbeit, um die Szene umzuschreiben und dem Autor zu erklären, wieso sie umgeschrieben werden sollte. Zwar bin ich ein sehr emphatischer und gefühlvoller Mensch, jedoch machen mir inhaltlich schwierige Szenen oder grenzwertige Themen wenig aus. Im Gegenteil. Ich kann mich gut in Figuren hineinversetzen und fühle sehr mit, wodurch ich oft merke, wenn eine Szene diesbezüglich gut geschrieben ist oder noch Überarbeitung bedarf.

Mir ist wichtig, dass der Autor nicht das Gefühl bekommt, dass ich als Lektor in seine Arbeit eingreife. Auch wenn es letzten Endes genau das ist, was ich tue. Das Verhältnis eines Autors zu seinem Manuskript ist etwas Besonderes und zugegebenermaßen auch etwas Schwieriges. Er hat es erschaffen. Er hat hunderte Stunden damit verbracht zu plotten, Figuren auszuarbeiten, den Text zu schreiben, zu überarbeiten. Da ist es verständlich, dass er erstmal nicht möchte, dass Szenen umgeschrieben oder sogar gestrichen werden. Daher bemühe ich mich, nie einfach zu sagen, dass das und das raus oder anders sein muss. Vielmehr hinterfrage ich.

Wieso ist diese Stelle aus der Sicht von Figur XY geschrieben? Welchen Mehrwert hat das für den Text und den Leser? Welchen Zweck erfüllt Stelle XY? Wieso muss dieser und jener Satz genau so geschrieben werden? Wieso handelt Figur XY so und nicht anders? Welche Auswirkungen hat das auf den Text? Wie soll die Figur dadurch rüberkommen?

Innerhalb dieses Gesprächs gibt es zwei Möglichkeiten: Der Autor kann mir die Fragen beantworten und erklären wieso es wichtig ist oder der Autor erkennt die Probleme, die sich auftun und überlegt von selbst, wie man diese lösen kann. Das macht er dann entweder allein oder wir sprechen gemeinsam über die Möglichkeiten.

Solche Gespräche können teilweise sehr kräfteraubend sein. Meistens sitze ich dann zwei oder drei Stunden mit dem Autor zusammen – oder wir telefonieren – und reden nur über eine einzige Szene oder Figur. Danach bin ich geistig manchmal schon sehr erschöpft. Aber der Spaß an der Arbeit, das Gefühl, Autoren bei ihren Buchbabys unterstützen zu können und die Entwicklungen zu beobachten, überwiegen eindeutig.

***

Die Verfasserin

Tilly FotoVanessa-Marie Starker, 1997 in Erfurt geboren, lebt und studiert in der Landeshauptstadt Thüringens Literatur- im Haupt- und Geschichtswissenschaft im Nebenfach. Ihren Bachelor wird sie 2020 beenden, der Master ist in Planung – ebenfalls in Erfurt. Nach einigen Irrfahrten entschloss sie sich dazu, Hobby und Leidenschaft zu ihrer Berufung zu machen, was sie zum Studium und zum Beruf des Lektors brachte. Mit leidenschaftlichem Eifer arbeitet sie mit Verlagen und Autoren zusammen. Des Weiteren schreibt sie selbst mit Herzblut und führt einen regelmäßig unregelmäßigen Blog unter dem Motto: „I’m just a lonelyThought wandering through time and space, people always will forget and never will remember – that’s life.“

Social Media & mehr:

Website: https://lektoratstarker.wordpress.com/

Blog: https://lonelytilly.wordpress.com/

Instagram: @l0nelyth0ught

Twitter: @l0nely_th0ught

Mail: starker.lektorat@gmx.de

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