Bücherwelt

Gastbeitrag 8/12 – Vanessa-M. Marzog: Reflexionen übers Schreiben

Wie bereits angekündigt, möchte ich dieses Jahr zwölf Gastbeiträge von anderen Büchermenschen auf meinem Blog veröffentlichen, jeden Monat einen. (Alle weiteren Infos zu dieser Aktion und die bisherigen Gastbeiträge findet ihr hier. )

Heute gibt es den August-Gastbeitrag! Vielen Dank an Vanessa-M. Marzog, die für eine ausgefallene Teilnehmerin eingesprungen ist und relativ kurzfristig noch diesen schönen Text geschrieben hat. Ich habe mich in vielem wiedererkannt – vielleicht geht es euch ja ähnlich. Viel Spaß beim Lesen!

***

Reflexionen übers Schreiben

Ich bin in eine Familie voller Erzähler und Erzählerinnen hineingeboren. Irgendwer hat immer etwas erzählt. Ob es einfach nur eine Schilderung des letzten Erlebnisses war, gerne etwas ausgeschmückt für einen dramatischeren Effekt, oder gänzlich ausgedachte Geschichten von Steinbeißern und vom Bummelux, der die unartigen Kinder holt. Wenn nicht erzählt wurde, dann wurde vorgelesen, wobei die vorlesende Person gerne die Geschichten nach der eigenen Gemütslage angepasst hat. Überhaupt wurde bei uns viel gelesen – in so ziemlich jedem Zimmer lagen Bücher. Ich konnte es kaum abwarten, endlich lesen zu lernen. Als es so weit war, gab es danach kein Halten mehr. In meiner Freizeit habe ich ein Buch nach dem anderen verschlungen. Ich war in zwei Buchclubs, die jeden Monat jeweils zwei Bücher verschickt haben und konnte mir nichts Schöneres vorstellen, als Bücher zum Geburtstag geschenkt zu bekommen (das finde ich heute noch toll). Irgendwann hat lesen nicht mehr ausgereicht – ich wollte meine eigenen Geschichten schreiben und ich schrieb und schrieb in einer Tour: Ausgedachte Kurzgeschichten, Briefe (Brieffreundinnen hatte ich fünf – wie es denen heute wohl so geht?), Tagebuch, erfundene Zeitschriften mit knackigen Schlagzeilen für meine Eltern, schlechte Songtexte…

Weniger wurde es dann während meines Abiturs, da mir neben all dem Lernen und mit Freunden abhängen (anders kann ich das wirklich nicht bezeichnen) einfach die Zeit und Energie fürs Schreiben fehlte und sehr wenig wurde es dann während meines Bachelorstudiums. Ich habe Germanistik studiert und plötzlich MUSSTE ich sehr viel lesen und schreiben. Tatsächlich war ich dann eine der wenigen, die neben der Pflichtlektüre auch noch viel in ihrer Freizeit las. Einiges zum Ausgleich und einige Bücher musste ich für die Uni oder einfach für mein eigenes Gewissen nachholen, da aufgrund des deutschen Schulsystems, bei dem in jeder Schule der Fokus auf anderen Texten liegt, wir an meiner Schule zwar viel gelesen haben, aber eben eher weniger das, was ich für die Uni brauchte.

Anders verhielt es sich mit dem Schreiben. Ich habe zwar immer noch Briefe (tatsächlich, ja!) geschrieben und ab und an Tagebuch geführt, aber ausgedachte Geschichten – das ging plötzlich nicht mehr. Ich habe es zwar öfter versucht, da ich schreiben einfach liebe, aber es scheiterte immer daran, dass ich nach kurzer Zeit stecken blieb. Mein Gehirn war auf stand-by. Nichts ging mehr. Ich starrte den blinkenden Cursor an und hatte das Gefühl, dass es einfach alles schon gibt, alles wurde schon einmal gesagt, alles wurde schon irgendwo aufgeschrieben. Das Studium, das ich angefangen hatte, um meiner Leidenschaft nachzugehen, hemmte plötzlich meine Liebe fürs Schreiben. Ich hatte das Gefühl, jeder Satz, den ich aufschreiben wollte, musste mit Bedeutung aufgeladen sein. Schließlich hatte mich das Zu-Tode-Analysieren anderer Texte genau das gelehrt. All die Bücher und Gedichte, die wir in den Seminaren besprachen, waren so voller Bedeutung und Interpretationsmöglichkeiten – zumindest glaubte ich das. Und ich war: eingeschüchtert. Sobald ich begann etwas zu schreiben, befand ich es nach einigen Zeilen für nicht gut genug, meine Ideen für nicht originell genug und hörte wieder auf. Manchmal speicherte ich ein Dokument, andere Male verwarf ich es komplett. Extreme Ausmaße nahm meine Schreibblockade dann bei meiner Bachelorarbeit an: Stundenlanges Anstarren der blanken Word-Seite. Wie so ziemlich alle Studierende perfektionierte ich das Prokrastinieren. Ich las noch mehr Bücher, schaute stumpfe TV-Sendungen (zu der Zeit gab es noch nicht so viele gute (und legale) Streaming-Dienste  – wow, ich bin alt) oder weinte meinem Freund, meinen Eltern und allen, die es hören wollten, vor, wie schwierig das Schreiben einer Abschlussarbeit ist. Ich quälte mich dann einige Wochen durch, schaffte es irgendwie und legte erstmal eine Pause vom Studium ein.

Ich half meinen Großeltern auf ihrem Rummel aus (das ist nochmal Stoff für andere Geschichten) und verbrachte dadurch sehr viel Zeit mit meiner Oma, eine der ersten Erzählerinnen in meinem Leben. Meine Oma schafft es, ein und dieselbe Situation in mindestens drei verschiedenen Versionen wiederzugeben. Sie passt ihre Geschichten gerne ihrem Publikum an. Meine Oma und die praktische Arbeit halfen meiner Kreativität. In Zeiten, in denen auf dem Rummelplatz wenig los war, notierte ich mir Ideen für Geschichten. Über Notizen kam ich aber selten hinaus. Viel wichtiger war jedoch, dass mir die Auszeit auch aufzeigte, dass mir trotz all der Mühsal beim Schreiben der Bachelorarbeit, Literatur immer noch große Freude bereitete. Also begann ich einen Masterstudiengang und irgendwann in dieser Zeit stolperte ich über eine Aussage:

Schreib einfach drauflos.

Danach kannst du es bearbeiten. Hauptsache, dort steht erstmal irgendwas. Leider weiß ich nicht mehr, von wem diese weisen Worte stammen. Außerdem bin ich mir ziemlich sicher, dass die Person sich anders ausgedrückt hat. Aber der genaue Wortlaut ist gar nicht wichtig. Wichtig ist nur, dass ich dadurch meine Schreibblockade ablegen konnte. Wann immer mir nun Schreiben schwerfällt, schreibe ich einfach irgendwas. Wenn es dann irgendwie zum Thema passt –  perfekt. Ansonsten nehme ich mir einfach mein Notizbuch und schreibe drauflos, mindestens fünfzehn Minuten lang und das löst jedes Mal die Blockade. Ein Wort folgt dem anderen. Natürlich mache ich immer noch Fehler und natürlich klingt es nicht immer brilliant, aber ich schreibe! Das half mir auch bei meiner Masterarbeit. Ich habe einfach drauflos geschrieben – selbstverständlich nach ausgiebiger Recherche und passend zum Thema – in dem Bewusstsein, dass ich danach den Text bearbeiten kann. Der erste Entwurf muss nicht perfekt sein.

Außerdem hilft mir, dass ich in erster Linie für mich schreibe. Ich schreibe, weil es mir Spaß macht und ich schreibe, was ich will. Es geht mir vorrangig nicht darum, irgendwen zu beeindrucken oder weil ich es verkaufen möchte. Sollte sich irgendwann einer meiner Texte, den ich gut genug finde, um ihn irgendwo anzubieten, verkaufen und dieser Text gefällt dann auch noch irgendjemandem: Toll! Aber das ist nicht mein Hauptziel. Diese Erkenntnis hat mir unglaublich viel Druck genommen. Ich schreibe, weil es mir hilft. Schreiben sortiert meine Gedanken und hilft mir bei der Selbstreflexion.

Ich habe viel während meines Literaturstudiums gelernt und ich habe – trotz so vieler Schreibblockaden – wirklich gerne studiert. Das Wichtigste, das ich gelernt habe, ist jedoch: Wenn es ums Schreiben geht, vergessen wir alles Gelernte am besten wieder. Einfach drauflos schreiben, ohne Hemmungen. Die Regeln brechen und alle Möglichkeiten der Worte ausschöpfen. Keine Angst vorm Versagen haben und vor allem die Angst ablegen, nicht gut genug zu sein. Klar, es wurde alles schon mal von irgendwem in Worte gefasst und niedergeschrieben – und dann wiederum auch nicht. Keine Stimme klingt gleich. Jeder Mensch erzählt auf seine Weise. Denn wenn ich etwas bereits als Kind gelernt habe, dann, dass all die vielen Erzähler und Erzählerinnen in meinem Leben Geschichten auf ihre Art und Weise erzählen und egal, wie oft ich schon von verlorener Liebe, Zaubereischulen, aus dem Ruder gelaufene Feste oder mysteriösen Todesfällen gehört oder gelesen habe: die Geschichten langweilen mich nie.

***

Die Verfasserin

Vanessa-M. Marzog hat Anfang des Monats ihre Masterarbeit im Fach Deutsche Literatur eingereicht. Als Kind reiste sie mit ihrer Familie durch halb Deutschland und fühlt sich deswegen sehr schnell überall zu Hause und nirgendwo daheim. Seit letztem Jahr arbeitet sie als studentische Mitarbeiterin beim Veranstaltungsforum Holtzbrinck in Berlin. Vanessa ist ab und an auf Twitter, häufiger auf Instagram anzutreffen.

Social Media

Twitter: @v_marzog

Instagram: @veppipeppi

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s