Bücherwelt

Gastbeitrag 11/12 – Riana Blind: Role Playing Game – Wie ich vom Schreiben zum Schreiben kam

Unser turbulentes Jahr 2020 neigt sich schon langsam dem Ende entgegen. Es wird kälter, die Blätter fallen von dem Bäumen und es beginnt die Zeit, in der man sich lieber im Warmen verkriecht. Zugegeben: Manche von uns hocken wegen Home-Office oder Quarantäne eher unfreiwillig zuhause. Da kann man nur versuchen, das Beste aus der Situation zu machen und ein gutes Buch zu lesen – oder zu schreiben.

Dass ausgerechnet dieses Jahr, in dem ich zwölf Gastbeiträge auf meinem Blog veröffentliche, ein solches Chaos-Jahr werden würde, hat wohl niemand geahnt. (Alle Infos zu dieser Aktion und die bisherigen Gastbeiträge findet ihr übrigens hier. ) Kein Wunder also, dass auch bei einigen meiner geplanten Gastblogger das Leben dazwischenkam und sie es leider nicht schafften, ihren Gastbeitrag zu schreiben.

Umso mehr freue ich mich, dass Riana Blind eingesprungen ist, um die November-Lücke zu füllen. Vielen Dank dafür! Und euch allen natürlich viel Spaß beim Lesen! Habt ihr auch schon mal ein RPG geschrieben? Schreibt gern eure Erfahrungen in die Kommentare.

***

Role Playing Game – Wie ich vom Schreiben zum Schreiben kam

Wie alles begann …

Mein halbes Leben verbringe ich immer wieder meine Freizeit damit, mit Freunden oder Online-Bekanntschaften Geschichten zu schreiben und zu erleben.

Angefangen bei Harry Potter über High Fantasy, Action, Thriller und griechischer Mythologie zu Romance und jetzt angekommen bei Science-Fiction – im Grunde gibt es kaum ein Genre, das ich noch nicht gespielt habe.

Richtig. Gespielt.

Seit knapp vierzehn Jahren bin ich begeisterte RPGlerin und das, obwohl ich früher hundsmiserabel in Deutsch war.

Role Playing Game – kurz RPG. Was ist das überhaupt?

Da ich nicht weiß, wie viele von euch diese Art von role playing game kennen, hier eine kurze Erklärung:

Für ein RPG kommen Spieler*innen in einem Online-Chat oder Online-Forum zusammen, um gemeinsam eine Geschichte zu schreiben. Dafür erfindet jede*r Spieler*in eine oder mehrere Figuren, die miteinander agieren. Außerdem einigen sich alle Beteiligten auf eine grobe Storyline.

Dabei sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt. Genres können gemixt und (quasi) unendlich viele Figuren erstellt werden.

Ich mag es am liebsten, wenn jede*r Spieler*in nur über ihre*seine eigenen Figuren verfügen kann. Das heißt, ich kann nur meine Figuren agieren lassen und habe keine Möglichkeit, über die Reaktionen und Aktionen der Figuren anderer Spieler*innen zu bestimmen.

Dadurch weiß kein*e Spieler*in genau, was passiert und muss sich immer wieder an das Geschehene, das Spiel seines*r/ihres*r Mitspieler*in anpassen.

Schreiben und Lesen zur gleichen Zeit – ja, das geht!

Im Grunde lässt sich das role playing game als ‚Schreiben und Lesen zur gleichen Zeit‘ oder als Discovery Writing beschreiben.

Einerseits schreibe ich meine Ideen nieder, lasse meine Figuren ihrer Konzeption nach agieren und beeinflusse so die Handlung. Andererseits weiß ich nie genau, was passieren wird, was die anderen Spieler*innen geplant haben und mir – oder besser gesagt meinen Figuren – fliegen die Taten anderer Figuren um die Ohren. Damit muss dann jede*r Spieler*in leben (und das tut in vielen Fällen so richtig weh!).

Spannung, Aufregung, Gefühlschaos, Tränen, Wut – alles, was man auch vom Lesen eines richtig, richtig guten Buches kennt – sind also absolut garantiert!

Was hat das mit dem Autor*innenleben zu tun?

Tatsächlich habe ich mir unzählige Male überlegt: Die Storys aus dem RPG müsste man doch einfach mal geordnet aufschreiben und veröffentlichen (einfach mal, haha, ich weiß). Natürlich müsste man den Plot überarbeiten, Unnötiges wegstreichen und die wichtigen Szenen aufeinander abstimmen, sodass eine gute Spannungskurve und Figurenentwicklung zustande kommt.

Aber ganz im Ernst. Ich habe im Laufe der vierzehn Jahre nicht nur im RPG, sondern auch privat so viel geschrieben (ich würde gern mal die Wörter zählen, denn an jedem Wort hängt mein Herz voll und ganz!) –, dass ich seit fast vierzehn Jahren glaube, daraus doch irgendwas zaubern zu können.

Nein. Zu wollen.

Ich denke mir: Was für mich voller Spannung, Herzschmerz und Freude ist, muss für eine*n Leser*in doch mindestens genauso aufregend sein, oder nicht?

Was mir das RPG gibt: Freisein im Schreiben

Letztlich gab und gibt es für mich keine Art zu schreiben, die losgelöster, befreiter und aufregender ist als die im RPG.

Früher war es egal, ob ich Rechtschreib- oder Zeichensetzungsfehler machte. Durch das Feedback der anderen Mitspieler*innen verbesserten sich meine Deutschkenntnisse sogar rasant. Früher ließ ich meiner Fantasie freien Lauf, testete im Fantasy-Bereich unterschiedliche Wesen aus und entwickelte meine ganz eigene Schreibstimme.

Ohne Muss. Ohne Druck. Ohne Erwartungen. – Wie in einem geschützten Raum. Und das ist bis heute so.

Wenn ich heute spiele, mache ich mir keine Gedanken, dass die Geschichte sich nicht verkauft, dass ich kein Geld fürs Lektorat oder für die Korrektur habe, dass ich meine Figuren nicht richtig darstelle oder ihre Entwicklung unlogisch ist. Dass ich ein Detail vergesse und meine Figur dadurch etwas schafft, was sie eigentlich gar nicht schaffen kann.

Eigentlich muss ich mich nur darum kümmern, dass meine Mitspieler*innen mein Geschriebenes verstehen, ich keine over-powered-Aktionen durchführe und – ganz wichtig – nicht einfach irgendeine ihrer Figuren töte.

(Das ist oberstes RPG-Gesetzt! Niemand darf die Figur eines anderen töten, ohne es vorher mit demjenigen vereinbart zu haben!)

Es geht schlicht und ergreifend darum, gemeinsam Spaß zu haben, spontan zu sein, sich treiben zu lassen, sich Feedback zu geben, auszutauschen und abzusprechen (… oder auch nicht), sich gegenseitig zu schocken und Figuren, Wesen und Handlungen auszuprobieren … bis sie vielleicht doch irgendwann veröffentlich werden wollen.

Geschriebenes ist geschrieben und meine innere Autorin und Lektorin sagen mir, dass man damit arbeiten kann – besser, als mit einer leeren Seite.

Der Wunsch – nein, der Drang –, zu schreiben

Genau dieser Gedanke und die Aufregung, die damit einhergeht, haben mich über all die Jahre nie losgelassen. Auch in Zeiten, in denen ich nicht aktiv gespielt habe – und davon gab es eindeutig zu viele – habe ich immer wieder gedacht, wie sehr ich es doch vermisse, wie viel es doch gab, was man locker zu mindestens 5(00) Büchern hätte zusammenfassen können. Locker …

Also wuchs über die Jahre hinweg der Wunsch in mir heran, ein Buch zu veröffentlichen, das meinen Leser*innen das gibt, was mir das RPG gibt. Ich möchte meine Leser*innen zu Tränen rühren, schockieren, begeistern, in Aufregung versetzen und mit meinen Figuren und Handlungen mitreißen.

An diesem Wunsch arbeite ich seit Mai 2019 intensiv in einem Projekt im Genre Gay Romance. Zugegeben, die Story beruht auf keinem RPG. Die gesamte Story entspringt ganz allein meinem Kopf und damit will ich meine Leser*innen berühren – mit etwas, das nur von mir ist.

Nichtsdestoweniger soll das role playing game, welches ich aktuell spiele, irgendwann unbedingt ebenfalls mit der Absprache aller Beteiligten veröffentlich werden.

Das, woraus sich meine gesamte Kreativität und mein Drang, zu schreiben, entwickelt hat, würde dann endlich zu genau dem Abschluss finden, den ich mir schon immer für die hunderten Plotideen und tausenden Figuren, die immer da sind und nie wirklich in Vergessenheit geraten, wünsche.

Was mir das RPG gegeben hat

Fakt ist: Hätte ich nicht RPG gespielt, hätte ich nie meine Leidenschaft fürs Fantasieren, Geschichtenausdenken oder fürs Tagträumen entdeckt. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, ein Buch – ein ganzes Buch – zu schreiben. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass ich auch nur in der Lage bin, ca. 85.000 Wörter im Zusammenhang zu schreiben. Ich hätte wahrscheinlich auch nie meine Deutschkenntnisse verbessert, hätte nie Germanistik studiert und wäre nie Autorin und Lektorin geworden.

Role playing gaming hat mich motiviert, ermutigt und bestärkt, an mich, meine Fähigkeiten und meine Vorstellungskraft zu glauben und an meinen Träumen festzuhalten.

Es hat den Wunsch in mir geweckt, etwas Großartiges zu erfinden, mit dem ich irgendwann Leser*innen genauso begeistern will, wie ich jedes Mal Feuer und Flamme bin, sobald ich spiele.

Durch das RPG habe ich mich 2019 getraut, zu sagen: Ich schreibe ein Buch.

Und das ist das Geheimnis. So kam ich vom Schreiben zum Schreiben.

***

Die Verfasserin

Riana Blind, November 1992 geboren, lebt mit ihrem Mann und der gemeinsamen Hündin, Kira, im Sauerland. Sie liebt die Natur, das Schreiben und Lesen und darüber hinaus gehört ein großes Stück ihres Herzens der Psychologie. Nach ihrem Abitur hat sie den 2-Fach-Bachelor in Germanistik und Theologie absolviert und ist daraufhin zur Psychologie gewechselt.

Seit 2019 schreibt sie aktiv an ihrer Tetralogie „Wie willst du leben?“ und hat 2020 die Rohfassung für den ersten Band beendet. Ebenfalls seit diesem Jahr ist sie Freie Lektorin.

Social Media

Instagram: @riana_blind

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