Bücherwelt

Gastbeitrag 12/12 – Hanne Benden: Unmöglich, jetzt zu schreiben

Hier ist er schon, der zwölfte und somit letzte Gastbeitrag dieses verrückten Jahres! Es waren schon viele spannende Beiträge dabei, von den unterschiedlichsten Menschen: Autor*innen, Lektor*innen, Literaturstudent*innen … Vielen Dank an alle, die dabei waren und uns einen Einblick in ihren Lese-, Schreib- und Arbeits-Alltag gegeben haben! Falls ihr einen Gastbeitrag verpasst habt, könnt ihr hier nochmal alle nachlesen.

Und zum krönenden Abschluss gibt es jetzt zum Jahresende von Hanne Benden einen Beitrag, in dem sich bestimmt viele von uns wiedererkennen werden. Vielen Dank an Hanne dafür, und euch allen viel Spaß beim Lesen!

Ansonsten bleibt mir nur noch zu sagen: Habt eine schöne Weihnachtszeit, bleibt gesund – und schreibt die Geschichen, die euch unter den Nägeln brennen!

***

Unmöglich, jetzt zu schreiben

Erläutern Sie kurz die Organisationsformen der kommerziellen Buchproduktion in Paris im 18. Jahrhundert.

Ich krame in meinem Gedächtnis. Rufe ab, was ich in den letzten Wochen für diese Klausur am Ende des vierten Buchwissenschafts-Semesters gelernt habe.

Doch anstatt Informationen über den wissenschaftlichen Buchhandel und die volkssprachlich illustrierten Handschriftenproduktion auszuspucken, hüpft mein Hirn aufgedreht auf und ab und schnipst wie wild mit dem Finger.

„Ich habe eine Idee! Ich habe eine Idee!“

Ehe ich protestieren kann, breitet es in aller Ausführlichkeit eine Szene für den zweiten Teil meiner Jugendbuchreihe aus.

„Freddy könnte doch mit Joshie …“

„Hirn, bitte, können wir das später klären?“

Ich starre intensiv auf mein Klausurblatt und würde meinem Hirn gerne Desinteresse an seinem Vorschlag signalisieren.

„ … und als sie zusammensitzen und das Lied komponieren, da …“

Leider kann ich weder meinem Hirn noch mir selbst etwas vormachen. Seine Idee gefällt mir. Ich habe die Szene nun bildlich vor Augen, ich muss sie bloß noch aufschreiben.

Ist halt gerade nur maximal ungünstig, denn die Zeit bis zur Abgabe meiner Klausur läuft, und ich habe den leichten Verdacht, dass mein Dozent sich statt einer Antwort zur Buchproduktion über einen Schlagabtausch zwischen zwei meiner Protagonisten nicht freuen wird.

Wirklich schade, ich wäre gerade in der richtigen Stimmung für diese Szene.

Wäre ich eine Figur in einem Film, wäre dies vermutlich ein toller Plottwist gewesen. Der Moment, in dem die Protagonistin erkennt, dass es Wichtigeres für sie gibt als Klausuren, und sie sich endlich hinsetzt und ihr Buch zuende schreibt, das kurz darauf zum Bestseller avanciert.

Ich habe damals meine Klausur fertig geschrieben – und bislang keinen Bestseller gelandet. Ob es anders gekommen wäre, wenn ich damals auf mein Hirn gehört und die Szene dort im Seminarraum auf meinen Klausurzettel gekritzelt hätte?

Ich habe da so meine Zweifel. Allerdings finde ich es schon merkwürdig, dass ich mich an die verpasste Schreibchance besser erinnere als an die Antwort, die ich damals auf die Klausurfrage geschrieben habe.

Es war nicht das erste Mal, dass ich darauf verzichten musste, sofort loszuschreiben. Ich saß auch schon in der Kirche und irgendein Satz in der Predigt des Pfarrers versetzte mein Gedankenkarussell in Schwung. Abgesehen davon, dass ich natürlich weder Stift noch Zettel bei mir hatte, wäre es sicherlich auch nicht so gut angekommen, wenn ich in der Kirche angefangen hätte, mir Notizen zu machen. Also ließ ich meinen Gedanken nur freien Lauf, nicht in der Lage sie festzuhalten. So schnell wie der Einfall kam, war er auch wiederentschwunden. Nach der Messe konnte ich mich jedenfalls nicht mehr daran erinnern. Bis heute bin ich auf der Suche nach jener Idee. Sollte jemand also zufällig auf eine herrenlos herumirrende Idee stoßen …

„Verteilen Sie mal eben die Texte.“

Mittwoch, erste Stunde. Mein Geschichtslehrer steht mit einigen Stapeln Kopien auf dem Arm vorn am Pult. Die Stapel werden durchgereicht, jeder nimmt sich ein paar Blätter. Auch ich habe drei DIN-A3 Bögen vor mir liegen, auf denen Doppelseiten aus Lehrbüchern kopiert sind. Nur, dass die Lehrbücher natürlich keine DIN-A3 Größe haben.

„Das geht so nicht!“

Während ein paar eifrige Mitschüler sich darum reißen, vorlesen zu dürfen, stutze ich meine Kopien zurecht. Kurz darauf habe ich eine ansehnliche Anzahl Papierstreifen vor mir liegen.

„Pssst“, flüstert mein Hirn. „Es ist Geschichtsunterricht!“

Es hat völlig recht. Schon habe ich meinen Kuli in der Hand und schreibe mit. Allerdings keine Unterrichtsnotizen, sondern kleine Episoden für meinen Roman. Hier eine Szene, dort eine Situationsskizze. Hin und wieder auch mal Songtexte.

Wünscht sich das nicht jeder Lehrer – dass sein Unterricht für die Schüler inspirierend sein möge?

Ich habe die „Randnotizen“ alle noch. Fein säuberlich einsortiert in einer Prospekthülle. Die eine oder andere habe ich tatsächlich später in meine Romane eingearbeitet. Manch andere waren mehr Hintergrundwissen für mich.

Ob es nett war, mich im Unterricht mit etwas Anderem als den Lehrplaninhalten zu beschäftigen, anstatt den Ausführungen meines Lehrers zu folgen? Vielleicht nicht. Zu meiner Verteidigung darf ich vielleicht sagen, dass ich mich dennoch am Unterrichtsgeschehen beteiligt habe. (Und Schreiben war wenigstens leise, in den hinteren Reihen wurde gepokert …) Man darf mir einfach nicht so viel Weißraum zur Verfügung stellen, damit kann ich nicht umgehen.

Dachte ich zumindest. Jetzt darf ich nämlich schreiben. Kein Telefon klingelt, keine Klausur sitzt mir im Nacken. Ich habe Zeit und im Worddokument eine schier unerschöpfliche Menge an Weißraum zur Verfügung.

Aber – mein Hirn hat sich verkrümelt und Inspiration und Muse gleich mitgenommen.

Was soll ich denn jetzt bitte schreiben?

So kann ich nicht arbeiten!

Je länger ich mich vor dem Anfang drücke, desto schwieriger wird’s natürlich. Man kommt aus der Übung. Bei mir sprudeln die Ideen meist dann, wenn ich keine Zeit habe, sie auszuarbeiten und aufzuschreiben. Um dieses Problems Herrin zu werden, bin ich nun einmal wöchentlich zum Schreiben verabredet. Wir treffen uns virtuell eine Stunde lang und schreiben an unseren jeweiligen Projekten. Wir erzählen uns, was wir uns vornehmen und geben uns nach einer halben Stunde einen Zwischenstand. Bestärken uns, feuern uns an, sprechen uns Mut zu. Das hilft! An manchen Tagen sind wir richtig produktiv und schreiben sogar über die verabredete Stunde hinaus.

So habe ich mittlerweile in meinem Oberstübchen den richtigen Ort gefunden, wo ich Ideen zwischenlagern und später wiederfinden kann.

Klausuren muss ich nicht mehr schreiben und auch der Geschichtsunterricht ist mittlerweile passé. Aber im Büro entsteht immer wieder eine Menge Schmierpapier …

Also dann; auf ein Neues!

***

Die Verfasserin

Hanne Benden, geboren und aufgewachsen im Ruhrgebiet, hat viele kreative Hobbys. Dem Schreiben widmet sie allerdings die meiste Zeit. Auf ein Genre mag sie sich (noch) nicht festlegen; die Themen Familie und Skandinavien tauchen jedoch immer in irgendeiner Weise auf, egal ob Jugendbuch oder historischer Roman.

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Hanne Benden (@hannebendenschreibt) • Instagram-Fotos und -Videos

Hanne Benden | Facebook

Website:

www.hannebenden.de

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