Bücherwelt · Schreiben

Weiß, cis, normschön, able-bodied … Warum Diversität in Büchern wichtig ist (I’m looking at you, YA & Gay Romance!)

Mir ist ein Muster in vielen Büchern aufgefallen (ja, auch in meinen eigenen!), das ich gerne ändern möchte. In meiner neuen Kurzgeschichte „Der Aufbruch“ schreibe ich zum ersten Mal über einen Protagonisten, der eine körperliche Behinderung hat. Bisher waren alle meine Hauptpersonen able-bodied, abgesehen vom gelegentlichen Brillenträger. Und auch sonst sind meine Buchhelden, wenn man von ihren individuellen Persönlichkeiten absieht, erschreckend eintönig: Sie alle sind jung, weiß, cisgender und normschön. Ein Muster, das man in vielen Büchern findet, besonders in Young-Adult- und Liebesromanen. Und ja: Auch die Gay-Romance-„Nische“ ist davon betroffen, vielleicht sogar besonders stark. Ist das nicht seltsam? Gerade wir, die wir doch eigentlich divers schreiben wollen, weichen selten von der Norm ab. Unsere Protagonisten sind zwar queer, aber das ist häufig die einzige Abweichung.

Aber was ist das eigentlich: „Die Norm“?

Seit Jahrhunderten, wenn nicht sogar seit Jahrtausenden gibt es einen vorherrschenden Typus unter Romanhelden. Männlich muss er natürlich sein, weiß und heterosexuell. Dieser klassische „straight white male“ besetzt schon seit Urzeiten den Großteil aller handelnden Personenrollen in Büchern. Seien es Haupt- oder Nebencharaktere, Helden oder Bösewichte: Der straight white (young attractive cisgender able-bodied) male ist zur Stelle! Nun ist gegen diesen Menschentyp per se natürlich überhaupt nichts einzuwenden. Das Problem ist seine Überrepräsentation, die ihn als Norm herausstellt. Alle Personen, die anders sind, erfüllen in ihrer Andersartigkeit einen Zweck und werden gleichzeitig darauf reduziert. Sie könnten nie die Rolle des Protagonisten übernehmen, denn sie sind zu „anders“. Oder wann habt ihr das letzte Mal ein Buch über eine queere Schwarze sechzigjährige nicht normschöne dicke trans Frau im Rollstuhl gelesen?

„Ist das nicht ein bisschen zu viel auf einmal?“

Nun ja, so gesehen ist auch ein heterosexueller weißer junger normschöner cisgender able-bodied Mann ein bisschen zu viel auf einmal. Und trotzdem macht genau diese Kombination auch heute noch einen Großteil unserer Romanhelden aus. (In der Gay Romance ist er zwar nicht hetero, aber alles andere trifft in der Regel zu.) Das Kuriose daran ist, dass dieser vermeintliche „Norm-Mensch“ überhaupt nicht den Großteil der globalen Bevölkerung ausmacht. Selbst wenn wir uns auf Deutschland beschränken, ist allein die Hälfte der Bevölkerung schon mal weiblich. Außerdem sind etwa 10% queer, 60% sind 40 Jahre alt oder älter, 26% haben einen Migrationshintergrund (dazu kommen noch etliche nicht weiße Deutsche ohne Migrationshintergrund), über 50% sind übergewichtig, fast 10% haben eine Schwerbehinderung, und auch der Anteil der normschönen Models ist definitiv niedriger als in vielen Büchern.

Fazit: Die vermeintliche „Norm“ ist eine kleine Minderheit!

Aber was bedeutet das für uns als Autor*innen? Müssen unsere Bücher exakt die prozentualen Verteilungen der wirklichen Bevölkerung widerspiegeln? Sollen wir wie bei einem Bingospiel alle marginalisierten Personengruppen abhaken, um „woke“ zu sein? Diversität & Inklusion nach Zwang? Nein, dies ist der falsche Ansatz. Anstatt uns zu fragen, warum wir über unterrepräsentierte Personen schreiben sollten, müssen wir uns eher fragen, warum wir das nicht schon längst tun. Was hält uns davon ab?

Warum greifen wir immer wieder auf dieselben Figurenschablonen zurück?

Weil wir noch nie bewusst darüber nachgedacht haben? Dann ist jetzt die Gelegenheit, es zu tun!

Oder weil wir Angst haben, etwas falsch zu machen? Dafür kann man sich im Internet informieren, mit den entsprechenden Personen reden und Sensitivity Reader mit ins Boot holen.

Oder weil es einen Mehraufwand bedeutet, aus unserer gewohnten Komfortzone auszubrechen? Ein Grund mehr, es zu tun! Denn sonst wird sich diese unsinnige Norm nie verändern.

Oder weil wir es schwierig finden, aus der Sicht einer Person zu schreiben, die „anders“ ist, und weil wir nicht ein ganzes Buch über „so ein Thema“ schreiben wollen? Überraschung: Niemand nimmt sich selbst als „anders“ wahr (höchstens, wenn ihm von der Umwelt immer wieder dieses Label aufgedrängt wird). Welche Menschen „anders“ sind, bestimmt derjenige, der die Macht besitzt, sich selbst als allgemeine Norm durchzusetzen. Und dieses Normbild beeinflusst unser Denken. Es führt dazu, dass wir Personen, die wir als „anders“ wahrnehmen, auf ihre vermeintliche „Fremdartigkeit“ reduzieren. Daraus entsteht der Trugschluss, dass auch diese Person selbst ihre ganze Identität daraus zieht und dass sich ihr ganzes Leben darum dreht. Aber das ist natürlich Quatsch!

„Dein ‚anders‘ ist meine Normalität!“

Nur weil eine Hauptperson zum Beispiel Schwarz ist, bestimmt dies noch lange nicht ihre gesamte Persönlichkeit und muss auch nicht auf jeder Buchseite zur Sprache kommen. Queere Personen sollten auch mal die Hauptrolle in Geschichten spielen dürfen, in denen es nicht vorrangig um ihr Coming-Out geht. Eine dicke, behinderte oder nicht-normschöne Person hat nicht unbedingt das Lebensziel, endlich schlank, „geheilt“ oder normschön zu werden. Und eine Frau nimmt nicht bei jeder Bewegung ihre Brüste wahr (Grüße gehen raus an #MenWritingWomen). All diese Menschen, die vermeintlich „anders“ sind (zumindest, wenn man sie mit dem straight white male gaze betrachtet), führen ein ganz normales Leben, in dem es noch viele andere Aspekte gibt als das, was sie von der vermeintlichen Norm unterscheidet. Sie denken nicht ständig über ihre „Andersartigkeit“ nach und richten schon gar nicht ihr ganzes Leben danach aus. Warum also sollte es so schwierig sein, sie die Hauptrolle in einem Roman spielen zu lassen?

Letztendlich sollte natürlich jede*r Autor*in von uns selbst entscheiden, über welche Personen wir schreiben wollen. Manchmal gibt es nachvollziehbare Gründe, warum eine bestimmte Personengruppe nicht in die Geschichte passt; zum Beispiel ist es in einem Jugendroman verständlich, dass die Hauptpersonen nicht älter als 20 sein können. Und wenn du unbedingt einen kompletten Cast aus straight white males haben willst – go for it! Wir sollten nur sichergehen, dass wir uns bewusst dafür entscheiden, wem wir eine Stimme geben wollen und warum. Denn zum selbstbestimmten, freien Schreiben gehört auch, sich von unbewussten Klischees und Normvorstellungen frei zu machen. Diversität und Inklusion sind kein Zwangskorsett, das uns vorschreibt, worüber wir schreiben sollen. Im Gegenteil: Sie befreien uns vom Zwangskorsett der „Norm“, das seit Jahrhunderten vorbestimmt hat, worüber Autor*innen schreiben dürfen und worüber nicht. Wir leben zum Glück in einer Zeit, in der wir endlich die Möglichkeit haben, zu schreiben, worüber wir wollen. Worüber wir WIRKLICH wollen.

Nutzen wir diese Chance!

Ich denke außerdem, dass wir Schreibenden eine gewisse Verantwortung haben. Schreiben ist immer politisch, denn durch unsere Darstellung der Gesellschaft beeinflussen wir die Selbst- und Fremdwahrnehmung vieler anderer Menschen. Wenn wir ganze Personengruppen ausschließen und somit unsichtbar machen oder sie als wandelnde Klischees darstellen, bestärken wir bereits bestehende Vorurteile – und diese Vorurteile können im realen Leben großen Schaden anrichten. Aber das ist ein Thema für einen anderen Blogpost. Denn welche Verantwortung Schreibende haben und ob auch unpolitisches Schreiben möglich ist, das ist ein sehr kontroverses Streitthema, das einer ausführlicheren Diskussion bedarf.

Welche Gedanken schwirren euch nun im Kopf herum? Schreibt sie mir gern in die Kommentare! Ich hoffe, ich konnte euch ein paar Denkanstöße geben und bin gespannt auf eure Meinungen zu dem Thema.

5 Kommentare zu „Weiß, cis, normschön, able-bodied … Warum Diversität in Büchern wichtig ist (I’m looking at you, YA & Gay Romance!)

  1. Liebe Antje,
    deinen Beitrag werde ich mal in meiner Story teilen. 🙂
    Ich habe mir zumindest für meinen Roman vorgenommen, mit vielen Klischees zu brechen. Meine Protagonistin ist zwar die formschöne, europäische Cis-Frau, soll aber im Laufe der Handlung lernen, was diese privilegierte Position für sie und andere bedeutet. Meine zwei anderen Protagonisten haben unterschiedliche Ethnien, Religionen und sexuelle Orientierungen, da ich unbedingt mehr auf Asexualität eingehen möchte, besonders bei Männern. Darüber wird leider immer noch viel zu wenig geschrieben und geredet. Dagegen ist meine Protagonistin eine sehr leidenschaftliche, sexuell aktive Frau. Ich möchte es in meinem Roman so natürlich und „normal“ wie möglich darstellen, dass es sexuell aktive Frauen gibt, die nicht sofort eine „hoe“ sind, und Männer, die nicht schwanzgesteuert sind und kein Interesse an Sex haben. Denn wie du schon geschrieben hast, was ist schon normal?

    Liebe Grüße
    Alina

    Gefällt 1 Person

    1. Hallo Alina! Es freut mich, dass dir mein Blogpost so gut gefallen hat *-*
      Das stimmt, Asexualität ist wirklich ein sehr unterrepräsentiertes Thema. Weißt du schon, wann man deinen Roman lesen können wird? Ich hab schon lange nichts mehr von dir gelesen 🙂
      (Aber no pressure! 😀 )

      Viele Grüße,
      Antje

      Gefällt 1 Person

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