Schreiben

Das Märchen vom listigen Dämon

Vor langer Zeit, als die Welt noch von Helden und Dämonen bevölkert wurde, wollte ein junger Krieger Dämonenjäger werden. Also legte seine Familie all ihre Ersparnisse zusammen und er kaufte sich das beste Schwert, das für Geld zu erwerben war. So gerüstet zog er durch die Lande und erlegte viele Dämonen. Auf seinen Reisen jedoch begegnete er auch anderen Kriegern und lernte, dass es noch viel mächtigere Schwerter gab als seins: Magische Schwerter, die von Dämonen selbst gefertigt wurden.

Da war dem jungen Krieger sein eigenes Schwert, das ihm bisher so gute Dienste geleistet hatte, nicht mehr gut genug. Auch er wollte ein von Dämonen gefertigtes, magisches Schwert sein eigen nennen! Also fing er einen Dämon, verschleppte ihn in eine Schmiede, legte ihn in Ketten und befahl: »Fertige mir ein magisches Schwert, das mächtigste von allen! Tust du dies, so will ich dir die Freiheit schenken.«

Der Dämon jedoch – ein Eisdämon mit weißer Haut und kobaltblauem Haar – sprach darauf: »O Herr, ich will Euren Wunsch gern erfüllen, aber ich bin so schwach und hungrig! Wie soll ich so arbeiten? Bitte bringt mir ein Brot, auf dass ich wieder zu Kräften komme!«

Also brachte der Krieger ihm einen Brotlaib und sprach: »Hier hast du dein Brot. Nun arbeite und schmiede mein Schwert!« Mit diesen Worten verließ er die Schmiede.

Der Dämon aber, listig wie er war, dachte gar nicht daran, ein Schwert zu schmieden. Mit ein paar Brotkrumen lockte er Vögel an und sprach zu ihnen: »Seht, ich bin mit Hand- und Fußeisen gefesselt! Schafft den Schlüssel zu meiner Befreiung heran und ich will euch den ganzen Brotlaib überlassen.«

Und so geschah es. Die Vögel fanden den Schlüssel, den der Krieger in einem Nebenraum abgelegt hatte, und brachten ihn dem Dämon. Dieser löste seine Ketten und schenkte den Vögeln das Brot. »Nun bin ich frei und könnte fliehen«, überlegte der Dämon. »Doch ich will noch ein wenig bleiben und dem Dämonenschlächter eine Lehre erteilen.« Er legte seine Fesseln wieder an und wartete auf die Rückkehr des Kriegers.

Als dieser wiederkam, war er erbost und rief: »Dämon! Wo ist mein magisches Schwert?«

Und der Dämon sprach: »O Herr, ich will euren Wunsch gern erfüllen, aber ich bin ein Eisdämon und in dieser Schmiede ist es so schrecklich heiß! Ich leide furchtbaren Durst! Wie soll ich so arbeiten? Bitte bringt mir einen Krug Wasser, um meinen Durst zu stillen, dann will ich sofort mit der Arbeit beginnen.«

Also brachte der Krieger ihm einen Krug mit Wasser und sprach: »Hier hast du dein Wasser. Nun arbeite und schmiede mein Schwert!« Mit diesen Worten verließ er abermals die Schmiede.

Der Dämon aber verwandelte das Wasser in Eis und schmiedete daraus das schönste Schwert, das die Welt je gesehen hatte. Seine Klinge war durchscheinend wie Glas und funkelte wie Diamanten. Als der Krieger diesmal wiederkehrte und das Schwert erblickte, gingen ihm vor Gier und Habsucht die Augen über. Er warf sein altes Schwert achtlos auf die Erde, nahm sein neues, vermeintlich magisches Schwert in die Hände und drehte und wendete es wie verzaubert im Licht. Hinter seinem Rücken aber befreite sich der Dämon unbemerkt von seinen Ketten, hob das vergessene alte Schwert vom Boden auf und machte sich damit aus dem Staub.

Als der Krieger sich an der Pracht seines Schwerts sattgesehen hatte, lief er aus der Schmiede hinaus und rief: »Schaut her, ich habe das mächtigste Schwert von allen! Kommt her und messt euch mit meiner magischen Wunderwaffe!«

Sogleich liefen schaulustige Menschen herbei. Der Krieger forderte den größten und stärksten von ihnen zum Kampfe heraus, um die Macht seines neuen Schwertes unter Beweis zu stellen. Doch schon beim ersten Schlag brach sein Eisschwert entzwei und die Menschen brachen alle in Gelächter aus. Dem Krieger stieg die Schamesröte zu Kopfe, als die Bruchstücke seines Schwerts in der Sonne schmolzen und ihm gewahr wurde, dass man ihn zum Narren gehalten hatte. »Verflucht soll er sein!«, rief er aus. Er eilte zurück zur Schmiede, um sein altes Schwert zu holen und dem listigen Dämon den Garaus zu machen. Doch der Eisdämon und das Schwert waren schon längst über alle Berge.

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