Schreiben

Leseprobe – Raven Heart

Happy Halloween! Pünktlich zum gruseligsten Tag des Jahres habe ich eine schaurige Leseprobe für euch, natürlich aus meinem neusten Werk „Raven Heart“. Vlad ist gerade in Rumänien auf der Suche nach einem Heilmittel gegen Vampirismus. Diese Suche hat ihn zu der wunderlichen alten Ludmilla geführt. Ob sie ihm weiterhelfen kann …?

In Ludmillas Haus war es sehr warm und es roch wie in einer Sauna: nach Kräutern, Holz und Wasserdampf. Irgendwo tickte eine Standuhr. Die bucklige alte Frau hatte Serghei und Vlad sofort aus der Kälte hereingescheucht und die Tür schnell wieder hinter ihnen geschlossen. Alles, ohne ein einziges Wort zu sagen. Vlad wollte ihr das mitgebrachte Essen geben, doch Ludmilla drehte sich um und humpelte durch den Flur. Ihr knorriger Gehstock klopfte rhythmisch auf die Bodendielen. Fragend schaute Vlad Serghei an.

»Sie ist ein bisschen wortkarg«, flüsterte Serghei. »Komm.«

Sie hängten ihre Jacken und Mützen an einen Garderobenhaken im Flur. Dann folgten sie Ludmilla, die sie in eine kleine Wohnküche führte und die Speisekammer öffnete. Mit runzligen braunen Händen, die an die Zweige eines alten Baums erinnerten, nahm sie Serghei die Eier und das Mehl ab und verstaute sie in der kühlen Vorratskammer. Sie bedeutete Vlad, das Essen auf dem Tisch abzustellen und Vlad beeilte sich, der nonverbalen Aufforderung Folge zu leisten. Die Nervosität, angespannte Stille und Wärme brachten ihn allmählich zum Schwitzen. Hier in der Küche war es besonders warm. In einer Ecke knackte und knisterte ein alter Holzofen; davor lag eine Wolldecke, auf der sich zwei Katzen zusammengerollt hatten. Auch auf einem Küchenstuhl saß eine Katze und putzte sich. Auf dem Holzofen stand eine riesige metallene Teekanne, aus deren Tülle sich Dampfschwaden kräuselten.

»Ludmilla, das ist übrigens Vlad, ein Freund von mir«, stellte Serghei ihn vor und durchbrach damit endlich die seltsame Stille.

Ludmilla trat ganz nah an Vlad heran – sie reichte ihm kaum bis zur Schulter. Mit zusammengekniffenen Augen schaute sie zu ihm hoch, so als hätte sie ihn vorher gar nicht wahrgenommen. Ihre Augen waren milchig und trüb. Vermutlich grauer Star. Vlads Großmutter hatte dieselbe Augenkrankheit gehabt und für einen kurzen Moment war es ihm so, als sähe er wieder Bunică vor sich. Sogleich fühlte er sich Ludmilla ein wenig verbunden.

Unvermittelt griff Ludmilla nach seiner linken Hand und fuhr mit ihren dünnen, trockenen Fingern über die Falten seiner Handfläche, wie eine Wahrsagerin, die nach Lebenslinien oder ähnlichem suchte. Vlad ließ sie gewähren, auch wenn er nicht so recht wusste, was er davon halten sollte. Plötzlich erschrak die alte Frau, fuhr noch einmal dieselben Linien nach, schaute abermals ungläubig in Vlads Gesicht. Ihm wurde ganz seltsam zumute. Ludmilla schien ihn nicht nur anzuschauen, sondern zu durchschauen – ganz so, als könnte sie in seine Seele blicken.

»Warum bist du hier?«, fragte sie so leise, dass er sie kaum hörte. Ihre brüchige Stimme unterschied sich nur minimal von den knackenden Geräuschen des Holzofens.

Kurz schaute Vlad zu Serghei, der gerade einer Katze den Bauch kraulte, dann wieder zu Ludmilla. »Ich suche nach einem Heilmittel«, begann er vorsichtig.

Ludmilla nickte verstehend. Irgendetwas sagte ihm, dass sie bereits wusste, dass er ein Vampir war. Sie packte ihn mit erstaunlich festem Griff am Handgelenk, mit der anderen Hand nahm sie ihren Gehstock und zog Vlad aus der Küche. Hilfesuchend schaute sich Vlad nach Serghei um, doch der winkte nur grinsend und setzte sich zu den Katzen vor den Kamin.

Mehr oder weniger freiwillig folgte Vlad der seltsamen alten Frau durch den verwinkelten Flur in ein weiteres Zimmer, das Ludmilla mit einem großen, alten Schlüssel aufschloss. Ohne weitere Worte schob sie Vlad hinein. Erstaunt schaute er sich um. Die kleine Kammer war von vorn bis hinten, vom Boden bis zur Decke vollgestopft mit den abenteuerlichsten Utensilien. Überall standen Regale und Vitrinen, in denen sich dickbauchige Flaschen, Kristallkugeln und ledergebundene Bücher stapelten. Er sah auch einige säuberlich aufgereihte Marmeladengläser, in denen die gute Ludmilla jedoch keine Marmelade eingekocht hatte, sondern seltsame Pilze, Salamander und andere Wesen in öligen Flüssigkeiten aufbewahrte. Von der Decke baumelten getrocknete Bündel von Kräutern, Blumen und Gräsern, und überall im Raum waren mit Krimskrams beladene Tischchen verteilt. Die Fenster waren mit dicken, staubigen Gardinen verhängt, sodass kein Lichtstrahl hereindrang. Die einzige Beleuchtung des Raums bestand aus mehreren im Raum verteilten Kerzenstümpfen, deren zerflossenes und wieder erstarrtes Wachs sich zu vulkanisch anmutenden Gebilden verformt hatte.

Ludmilla schloss die Tür hinter sich ab. Obwohl auf dem Boden kaum genug freier Platz war, um einen Fuß vor den nächsten zu setzen, bahnte sie sich mit sicheren Schritten einen Weg zu einem der Regale. Sie nahm ein Päckchen alter Schwefelhölzer heraus, entzündete eines davon und zündete alle Kerzen an, sodass die Kammer von warmem, flackerndem Licht erhellt wurde. Dann schob sie zwei Stapel Bücher und Papiere zur Seite, sodass darunter zwei bisher verborgene Sessel zum Vorschein kamen. Sie winkte Vlad näher und bedeutete ihm, sich auf einen der Sessel zu setzen. Mit einem Ächzen ließ sich Ludmilla auf den anderen Sessel plumpsen. Dichte Staubwolken stoben von den Sitzflächen auf, als sie sich hinsetzten. Vlad musste niesen und brachte eine nahestehende Kerze zum Flackern. »Verzeihung.«

Ludmilla sagte nichts, lachte nicht, schaute ihn nur mit diesem durchdringenden Blick an. Wieder wurde Vlad mulmig zumute. »Was ich eigentlich fragen wollte, ist …«

Ludmilla hielt sich einen Finger an die Lippen. Vlad brach ab und schwieg. Ludmilla griff hinter sich in ein Wandregal und zog ein leeres, verkorktes Fläschchen sowie eine längliche Schatulle heraus. Mit einem leisen Ploppen entkorkte sie das Fläschchen, klemmte sich den Korken zwischen ihre drei verbliebenen Zähne und das Fläschchen zwischen die Knie, die sich knochig unter ihrem schwarzen Flickenrock abzeichneten. Dann öffnete sie die kleine Schatulle und holte einen Dolch heraus. Im Gegensatz zum restlichen Interieur sah dieser Dolch nicht alt und verbraucht aus, sondern äußerst scharf und gut in Schuss. Seine silberne Klinge blitzte im Kerzenlicht. Vlad schluckte nervös, unschlüssig, was das werden sollte.

Ludmilla griff nach Vlads Hand, zog sie zu sich und schob seinen Pulloverärmel zurück. »Ähm, was …«, begann er, doch ehe er einen Protest formulieren konnte, begann Ludmilla ohne Vorwarnung ihr Werk. In einer schnellen Bewegung zog sie den Dolch quer über seinen Unterarm. Vlad sog scharf die Luft ein, als der brennende Schmerz in der Schnittwunde aufflammte. Einige Blutstropfen fielen in das bereitgehaltene Glasfläschchen, bevor die Wunde sich in Windeseile wieder schloss. Mit ihren erstaunlich kräftigen Fingern drückte Ludmilla noch einen letzten Blutstropfen heraus und Vlad verzog das Gesicht. Dann war seine Haut wieder vollständig verheilt. Ludmilla brummte zufrieden. Sie verkorkte das Fläschchen und stellte es vorsichtig zurück ins Regal. Das Messer tauchte sie in ein Glas mit einer alkoholisch riechenden Lösung, wischte es an ihrem Rock ab und verstaute es wieder in der Schatulle.

»Was sollte das jetzt?«, fragte Vlad vorsichtig. »War das ein Test, ob ich …«

Wieder legte Ludmilla sich einen Finger an die Lippen und gebot ihm zu schweigen. »Du bist ein Vampir«, flüsterte sie mit ihrer brüchigen Stimme. »Das spüre ich. Dafür brauche ich keinen Test.«

Er konnte einfach nicht schweigen. »Aber warum …«

»Vampirblut kann ich immer gut gebrauchen.« Zum ersten Mal sah er Ludmilla lächeln, doch es war ein kaltes, mystisches Lächeln. So, als wüsste sie viel mehr als er.

»Für den Heiltrank?«, hakte Vlad hoffnungsvoll nach.

Ludmilla drehte langsam den Kopf von einer Seite zur anderen. War das etwa ein Nein? »Es gibt keine Heilung«, flüsterte sie.

Vlad glaubte, sich verhört zu haben. »Aber wozu dann das alles?«, fragte er und deutete auf den mystischen Raum, das Blutfläschchen, die Dolchschatulle.

»Du hattest eine Frage.« Ludmilla lächelte immer noch. »Und Antworten haben ihren Preis. Du hast deine mit Blut bezahlt.«

Allmählich kam sich Vlad wirklich veralbert vor. Und enttäuscht. »Ich kenne eine Person, die geheilt wurde. Sie müssen sich also irren.«

Abermals drehte Ludmilla langsam den Kopf hin und her. »Ich irre mich nie. Niemals.«

»Wie kann es dann sein, dass diese Person geheilt wurde?«

»Das musst du sie fragen.«

Vlad seufzte schwer. Wenn das mal so einfach wäre! Die einzige geheilte Person, die er kannte – Fives Mutter Rebecca – sprach kein Wort mit ihm. Und die Information, dass das Heilmittel von transsylvanischen Roma stammen könnte, war nur ein Gerücht ohne handfeste Beweise, das Aurelia vor vielen Jahrhunderten aufgeschnappt hatte. Vielleicht war es wirklich nichts weiter als ein Gerücht gewesen. »Sie kennen also niemanden, der ein Heilmittel kennen könnte?«, fragte Vlad.

Ludmillas Blick verdüsterte sich. »Zu denen würde ich an deiner Stelle nicht gehen«, flüsterte sie unheilvoll, so als hätte sie seine Gedanken gelesen. Vlad erschauderte. Ludmilla beugte sich vor, bis ihre Gesichter nur noch eine Handbreit voneinander entfernt waren, und starrte ihm eindringlich in die Augen. »Das fahrende Volk praktiziert die übelste Sorte von schwarzer Magie, die du dir vorstellen kannst. Die allerübelste Sorte. Du darfst sie nicht aufsuchen, versprich mir das.«

Unter Ludmillas eindringlichem Blick war es schwer, standhaft zu bleiben, doch Vlad riss sich zusammen. »Ich glaube nicht an schwarze Magie«, sagte er. »Und ich habe unter den Roma die liebenswürdigsten Menschen kennengelernt, die man sich vorstellen kann.«

Unvermittelt packte Ludmilla seine Arme, so fest, dass sich ihre Fingernägel schmerzhaft in sein Fleisch bohrten. »Dann hast du Glück gehabt!« Sie zischte wie eine Schlange. »Aber ich sage dir, Junge, wenn es Magier gewesen wären, dann wärst du verloren gewesen und niemand hätte dich mehr retten können!«

Allmählich hatte Vlad genug davon. Diese rassistische alte Knusperhexe würde ihm mit ihren Schauermärchen keine Angst einjagen! Er schaute ihr in die trüben Augen und sagte ruhig: »Ich bin in meinem ganzen Leben noch nie Magie begegnet. Es ließ sich alles stets logisch erklären. Und wenn die Roma  die einzigen sein sollten, die ein Heilmittel gegen Vampirismus kennen – dann werde ich zu ihnen gehen und sie darum bitten.«

Ludmillas Augen wurden ganz groß und glasig. Sie seufzte tief, ließ Vlads Arme los und lehnte sich schlaff in ihrem Sessel zurück. Lange schaute sie ihn einfach nur schweigend an. Dann drehte sie wieder den Kopf langsam von einer Seite zur anderen. »Du bist doppelt so alt wie ich … und doch blind und naiv wie ein Kind«, flüsterte sie. Abermals seufzte sie tief. Dann stemmte sie sich ächzend aus ihrem Sessel hoch und griff nach ihrem Gehstock.

Falls ihr jetzt neugierig geworden seid: Unter diesem Link findet ihr „Raven Heart“ als Ebook und Taschenbuch. Viel Spaß beim Lesen und Gruseln! 🙂

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