Bücherwelt

Gastbeitrag 1/12 – Matthias Thurau: Die Entwicklung der eigenen Stimme

Wie bereits angekündigt, möchte ich dieses Jahr zwölf Gastbeiträge von anderen Büchermenschen auf meinem Blog veröffentlichen, jeden Monat einen. (Alle weiteren Infos zu dieser Aktion findet ihr hier.)

Und heute geht es los mit dem Januar-Gastbeitrag! Vielen Dank an den Autor Matthias Thurau, der sich zu diesem Zweck Gedanken darum gemacht hat, wie wir beim Schreiben unsere eigene Stimme entwickeln können.

Ich möchte nun auch gar nicht weiter um den heißen Brei herumreden, sondern übergebe das Wort direkt an Matthias. Bühne frei!

***

Wer bin ich als Autor anderes als die Stimme in meinem Werk?

Ihr lest diesen Satz und analysiert (meist unbewusst) Wort für Wort, Rhythmus, Inhalt und Aufbau. Ich beginne mit einer Frage, beziehe die Frage auf mich, verallgemeinere nicht, nutze also kein generisches Maskulinum, betone die Verbindung zwischen mir und meinem Werk und verwende das alte Wort „Werk“, anstatt Geschichte oder Story zu schreiben. Jedes Detail des Satzes ändert eure Rezeption. „Wer bin ich denn als Autor, wenn nicht die Stimme in meinem Werk?“ oder „Wer sind wir als Autor*innen anderes als die Stimmen in unseren Geschichten?“ oder „Als Autor kennt man mich nur durch meine Worte.“ Alles ist möglich. Üblicherweise kommt der erste Entwurf eines Satzes oder eine Vorliebe für einen bestimmten Rhythmus unbewusst, aber es gibt Wege, die eigene Erzählstimme zu schulen. Am Ende wird sie dann wieder zum Reflex, aber zu einem, der besser sitzt und angemessener ist.

Unsere Erziehung, die gesamte Sozialisation, unsere Kommunikationspartner*innen und unser Medienkonsum, insbesondere das Lesen, beeinflussen unseren Sprachfluss. Meine Eltern haben immer gern gelesen, aber ich stamme aus Dortmund, habe jahrelang in einem Lager gearbeitet, mit LKW-Fahrern gesprochen, privat mit Gamern, Jura-, Medizin-, Design-, Philosophiestudent*innen und Leuten aus Verschwörungstheorie-Zirkeln, der Fetisch-Szene, verschiedener Musik- und politischer Szenen. Die Vielfalt der Sprache innerhalb dieser unterschiedlichen Gebiete ist atemberaubend, wenn man hinzuhören gelernt hat. Überlegt einmal, wie sich eure Sprachgewohnheiten zusammensetzen beziehungsweise wo eure Spracheinflüsse herkommen. Zu den Begriffen, Dialekten, Wortvermischungen, Aussprachen und Sprechgewohnheiten der persönlichen Kontakte kommt der Medienkonsum. Ich schaue Filme und Serien gerne im (meist englischen) Original, weshalb mir manchmal englische Begriffe einfallen, wo mir die deutschen fehlen. Das führt zu Anglizismen oder einer Sprachvermischung – jedenfalls in meinem Kopf. Da ich es für schlechten Stil halte, zu viele Anglizismen zu verwenden – hier spielt die Sozialisation, mein Alter usw. wieder rein –, suche ich Ersatz im Deutschen, bevor ich es aufschreibe oder ausspreche.

Den größten Einfluss aufs Schreiben hat allerdings andere Literatur. Lese ich mehrere Werke eines Autoren oder einer Autorin hintereinander, verändert sich mein Schreibstil und meine Ideenwelt für eine Weile. Lese ich nur ein einziges Buch, ist der Effekt geringer, aber dennoch vorhanden. Das betrifft dann den Satzbau, den Satzrhythmus, die Verwendung von Fremdwörtern oder Kunstwörtern, generell den sprachlichen Anspruch, aber auch die Erzählstruktur und die Richtung, die meine Ideen nehmen. Wenn ich ein gutes Buch lese, spricht die Stimme in meinem Kopf den restlichen Tag im Rhythmus und im Stil des Erzählers. Möglicherweise bin ich da ein extremes Beispiel, aber der Einfluss ist bei jeder und jedem vorhanden.

Zwischendurch sollte man auch außerhalb der eigenen Komfortzone lesen. Bücher aus anderen Genres oder mit scheinbar anderem Anspruch oder ganz einfach anderem Fokus (sprachlastig, plotlastig, reflektionslastig…) können Neues bieten, das ihr auch für eure Entwicklung als Schreibende verwenden könnt.

Wie kann man das alles nutzen, um eine eigene, neue, einzigartige Stimme zu entwickeln, mit der man selbst zufrieden ist?

Zunächst einmal solltet ihr richtig hinhören. Verwendet (oder benutzt?) jemand ein Wort, das euch gefällt, notiert es euch und baut es selbst in Gespräche oder Geschichten ein. Dadurch erweitert ihr euren aktiven Wortschatz. Das gilt natürlich auch für Gelesenes. Ich persönlich habe mich damals in den Begriff „scherbeln“ verliebt, den Hermann Burger benutzt, um das Auseinanderplatzen der Lichter eines Feuerwerks zu beschreiben. In einem Roman habe ich es selbst verwendet für eine Explosion (und tat dies auch, um ein schönes Wort zu bewahren und meinen Hut zu ziehen vor einem, der mit Sprache wirklich umgehen konnte). Diese beiden Methoden sind jedoch sehr passiv. Als aktive Übung schlage ich vor, in einem Wörterbuch zu blättern. Schlagt randomly eine Seite auf und lest sie von oben bis unten durch. Ist ein Wort dabei, das ihr mal verwenden wollt? Notieren! Das geht auch moderner mit Wörterbuch-Apps. In einer App, die ich benutze, gibt es eine Zufallswort-Funktion, die ideal dafür ist. Habt ihr Listen mit Wörtern erstellt, solltet ihr sie auch verwenden und zwar möglichst bald. Schreibt einzelne Sätze oder eine kurze Geschichte, in denen alle Begriffe vorkommen. Dadurch prägt ihr sie euch ein. Ansonsten müsst ihr ständig einen Stapel Spickzettel in Griffweite haben.

Die Begriffe sind aber nur Füllwerk für eine darunterliegende Konstruktion. Sätze kann man verstehen als das, was man aus Wörtern bildet, also abhängig von diesen. Man kann Sätze oder Satzstrukturen aber auch losgelöst von den Wörtern betrachten, die sie hinterher bilden. Sätze sind die tragenden Pfeiler. Sie richtig zu bauen, ist sowohl notwendig als auch eine große Kunst. Nicht nur für den eigenen Stil sind sie wichtig, sondern auch für die Lebendigkeit einer Geschichte. Satzstrukturen bestimmen, ob eine Textstelle spannend ist oder nicht, steuern die Geschwindigkeit und beeinflussen maßgeblich, wie bequem oder unbequem ein Text zu lesen ist. Als Beispiel könnte man die Atemlosigkeit einer Verfolgungsjagd gut durch einen langen Satz mit Aufzählungen von Verben („rannte, sprang, blickte sich um, rannte weiter…“) ausdrücken, da die Leser*innen keine Pause im Kopf machen, wenn ihnen keine Pause angezeigt wird, und eine solche Pause entsteht durch Punktsetzung. Viele kurze Sätze einander gereiht („Sie rannte. Sie sprang. Sie blickte sich um. Dann rannte sie weiter.“) ergeben einen stolpernden Effekt, der spannend, aber vor allem hastig, wirken kann, wenn man statt Verben angerissene Beschreibungen verwendet: „Sie stoppte. Ein Geräusch. Hinter ihr. Langsam drehte sie sich um.“ Die Spannung entsteht hier auch durch den Kontrast zwischen den drei extrem kurzen Sätzen und dem letzten Satz. Liest man nur den letzten Satz, fällt die Wirkung geringer aus.

Als Autor*in liest man Geschichten anders als andere Leser*innen. Man fragt sich häufig, was dahinterstecken mag und warum an dieser und jener Stelle eine Geschichte funktioniert, wie sie eben funktioniert. Das sollte man aktiv nutzen. Wenn ihr besonders spannende, interessante oder gekonnte Stellen in Büchern findet, markiert sie. Dann setzt euch in Ruhe hin, nehmt den markierten Abschnitt und ersetzt die Wörter durch eure eigenen. Füllt die Konstruktion mit einer eigenen Geschichte. Sie muss keinen Sinn ergeben. Auf diese Weise verinnertlicht ihr die Strukturen und lernt sie zu nutzen. Würde sich jemand die Mühe machen und eine Geschichte oder einen Part von ihr komplett auf einer vorgegebenen Satzstruktur verfassen, wäre das eine enorme Arbeitsleistung (glaubt mir, ich habe es versucht). Daher betrachte ich das nicht als Ideenraub oder als unkreativ, sondern als Hommage. Aber gedacht ist der Vorschlag als Übung, um später selbst die entsprechenden Strukturen verwenden zu können.

Man könnte meinen, dass derartige Übungen eher wegführen von der eigenen Stimme denn zu ihr hin. Dem ist aber nicht so. Eure Vorbilder und alles, was ihr gelesen habt, sind längst Teil eures Stils. Wenn ihr besser versteht und deutlicher seht, aus welchen Elementen euer Stil besteht, könnt ihr sie bewusster und zielführender einsetzen.

Was ich an den genannten Übungen persönlich gut finde, ist ihre Freiheit. Schreibtipps und -ratgeber werfen häufig mit Vorschriften um sich, die manchmal bloß Meinungen oder Mode sind und niemals so vollständig anzuwenden sind, wie es dargestellt wird. Wenn ihr euch selbst Wörter und Satzkonstruktionen nehmt, die euch zusagen, Geschichten durcharbeitet, die euch gut erscheinen, folgt ihr nicht anderen, sondern euch selbst, und bewegt euch damit auf einen eigenen, unverkennbaren und einzigartigen Stil zu.

Und das ist der entscheidende Begriff: Bewegung. Alle erwähnten Übungen, Listen und Dinge, auf die man achten könnte, sind bloß Schritte auf euch selbst zu. Vergesst den Quatsch, wenn ihr zufrieden seid mit euch! Am Ende kommt man immer zu sich selbst zurück. Mario Vargas Llosa schrieb in Briefe an einen jungen Schriftsteller, dass Geschichten nur glaubhaft sind, wenn sie in einem passenden Stil geschrieben sind. Er meinte, dass die Themen und Geschichten aus den Autor*innen selbst kommen und ein aufgesetzter Stil, der von außen stammt, eben nicht für diese Geschichten gedacht war. Literatur ist letztendlich eine Kopie des Lebens, was Schreiben zu einer Form der Lebensführung machen würde. Man geht raus, sammelt Erfahrungen, lernt Menschen und Dinge kennen, aber wird trotzdem immer nur man selbst. Im besten Fall zu einer besseren Version von sich selbst.

***

Der Verfasser

Matthias Thurau

Matthias Thurau, 1985 in Dortmund geboren, schreibt Romane, Erzählungen und Lyrik, hat Philosophie und Komparatistik studiert und betreibt den Blog Papierkrieg.Blog.
Links:
Website: http://www.papierkrieg.blog
Twitter: @mt_papierkrieg
Instagram: MT_Papierkrieg

Ein Kommentar zu „Gastbeitrag 1/12 – Matthias Thurau: Die Entwicklung der eigenen Stimme

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s